Situation der deutschen Volksgruppe in Schlesien bis 1989

Ewald Stefan Pollok

Kein Volk ist klein oder groß dadurch, was seine Vorfahren in seinem Namen geschaffen haben, sondern dadurch, welche Lehre die heute Lebenden daraus gezogen haben und auch, wie sie das Erbe für die Zukunft bewahren werden.

Ein Fragment eines Beitrages, der am 20.09.2025 auf silesia-schlesien.com veröffentlicht wurde.


Der II  Weltkrieg war im September 1939 von deutschem Boden ausgegangen, und im Januar 1945 erreichten die Kämpfe Schlesien. Die in Schlesien einmarschierte Rote Armee, im Bewusstsein, sich auf deutschem Gebiet zu befinden, bekam von ihrer Führung wie auch von Ideologen wie z.B. dem Schriftsteller Ilja Ehrenburg, einen Passierschein zum Plündern, Morden und Vergewaltigen. Dieses wurde auch in zigtausend Fällen in unmenschlich grausamer Weise praktiziert.

Die Sowjets kasernierten alle Männer von 16-60 Jahren in mehreren Dutzend Lagern. Der Großteil wurde in die Sowjetunion deportiert, wo die Männer unter unmenschlichen Verhältnissen und halb verhungert in Gruben und Hüttenwerken Schwerstarbeit leisten mussten. Nur jeder siebte kam aus der Sowjetunion zurück.

Die Kämpfe um Schlesien dauerten noch an, da begann die polnische Seite schon mit der Aufteilung der Schlesier in die echten, die ungewolltenen und unwürdigen. Das hat Aleksander Zawadzki, der neue polnische Wojewode Schlesiens (einen Wojewoden, kann man ungefähr mit einem Ministerpräsidenten eines Landes in Deutschland vergleichen), mit seiner Anordnung vom 29. Januar 1945 getan, in der er schrieb über die: ”Beseitigung aller Spuren der deutschen Besetzungszeit, zwecks Unterstreichung des polnischen Charakters Schlesiens.”

Im Februar 1945 begannen die Vorbereitungen zur Übernahme Oberschlesiens. Die Sowjets übergaben im März 1945 das Land rechts der Oder und im Mai die Gebiete auf der linken Oderseite an Polen.

Die polnische Regierung beschloss am 20. März 1945, alle Bewohner Oberschlesiens zu klassifizieren in solche, die eindeutig als ethnische Polen anerkannt wurden und andere, die mittels verschiedener Beweise, Erklärungen, Sprachkenntnisse, Zeugenaussagen, Loyalitätserklärungen, Verdienste um den polnischen Staat und das Volk usw. ihr Polentum glaubhaft machen konnten oder wenigstens die gestellten Erfordernisse zum Teil erfüllten und in jene, deren Beweise und Erklärungen nicht ausreichten oder die keine Beweise besaßen und keine Erklärung abgeben wollten. Auf dieser Seite gab es auch jenen großen Teil der Bevölkerung, der als rein deutsch für eine Verifizierung gar nicht in Frage kam. Wer also die Erfordernisse erfüllte, wurde als polnischer Staatsbürger verifiziert. Diejenigen aber, die die Verifizierung nicht erlangten oder sie gar nicht wollten, blieben in den Augen der Polen Deutsche, wurden in Lagern konzentriert und letztendlich durch Anwendung von Zwang nach Deutschland vertrieben.

Am 18. März 1945 erließ A. Zawadzki eine Verordnung, in welcher die Bildung von Ortsteilen empfohlen wurde, in denen die deutsche Bevölkerung provisorisch untergebracht werden sollte. Er verbot deutschen Schlesiern die Benutzung der Bahn, es sei denn, dass sie nach Westen fuhren.

Nach Veröffentlichung dieser Verfügung befahlen die Verwaltungsbehörden den Deutschen das Tragen von sichtbaren Erkennungszeichen. In Breslau, Wohlau und im Grottkauer Gebiet mussten weiße Armbinden getragen werden. In Kreuzburg (Kluczbork) trugen Deutsche auf dem Rücken ein rotes “N” (Niemiec – Deutscher). Armbinden mussten u.a. auch in Oberglogau (Glogówek) und Hindenburg (Zabrze) angelegt werden.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fanden Unmenschlichkeit und Grausamkeit in Schlesien noch immer kein Ende. Die Tragik jener Tage war, dass elementare Menscherechte auch weiterhin keine Gültigkeit hatten. … …


Die Fortsetzung unter:
silesia-schlesien.com/index.php/pl/?view=article&id=4784:ewald-stefan-pollok-situation-der-deutschen-volksgruppe-in-schlesien-bis-1989&catid=2

Eine Antwort

  1. bhn sagt:

    Zunächst einmal werden im Text viele Fakten zur Nachkriegsgeschichte Schlesiens zusammengestellt und proschlesisch bewertet, wofür dem Autor Dank gebührt. Angesichts der jüngsten polnischen Reparationsforderungen und des aktuell forcierten Aufrufs zur „Kriegstüchtigkeit” ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, offen über die tatsächliche Lage in Schlesien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu berichten. Währet den Anfängen!
    Beim Lesen sind mir einige Gedanken durch den Kopf gegangen, die ich hier ansprechen möchte.

    „Der II  Weltkrieg war im September 1939 von deutschem Boden ausgegangen“. Richtig, und trotzdem hätte ich mir zu Beginn des Beitrags ein paar Worte mehr über die damalige weltpolitische Lage gewünscht, vor allem über die Politik Roosevelts und die Haltung Englands, aber auch über die große Ähnlichkeit des damaligen politischen Klimas zu heute und zum gegenwärtigen Ukrainekonflikt. So wie Putin heute von einer „Sonderaktion” in der Ukraine spricht, wird bis heute vom „Polenfeldzug” gesprochen. In diesem Zusammenhang empfehle ich das Buch „Der Krieg, der viele Väter hatte“. Ich weiß, dass man sich schnell verzetteln kann. Dennoch wären einige begleitende Erkenntnisse am Einstieg erwähnenswert.

    Die sowjetischen Grausamkeiten sind allgemein recht bekannt und werden heute sogar in den Systemmedien thematisiert. Inwieweit gab es jedoch ähnliche polnische Gewaltexzesse gegenüber der schlesischen Bevölkerung unmittelbar nach der „Befreiung”?
    Die Verifikation entsprach also der Einstufung der Volksgruppe auf der Volksliste.

    „Diejenigen aber, die die Verifizierung nicht erlangten oder sie gar nicht wollten, blieben in den Augen der Polen Deutsche, wurden in Lagern konzentriert und letztendlich durch Anwendung von Zwang nach Deutschland vertrieben.“ Grauenvoll! Es schmerzt schon beim Lesen.

    „Auf dem gesamten polnischen Territorium wurden damals 1200 Lager für Deutsche errichtet.“ Diese Zahl muss man sich merken. Vor kurzem war irgendwo nur von 200 Lagern die Rede. Es ist wichtig zu wissen, dass es viel mehr waren.

    „Potsdamer Konferenz ging erst am 2. August 1945 mit einem Kommunikee zu Ende.“ Hierzu mein verständigungsproblem. Seit wann hat eine Pressemitteilung die Kraft eines völkerrechtlich geltenden Vertrags? Fand zumindest nachträglich eine Ratifizierung des Kommunikees durch die Parlamente statt? Ein Gegenbeispiel: Die USA haben den Versailler Friedensvertrag nicht ratifiziert, somit blieb er für sie völkerrechtlich nicht bindend. Ganz zu schweigen von der Verletzung und völligen Missachtung aller völkerrechtlichen Prinzipien im Kommunique.
    „Zum Zeitpunkt dieser Feststellung war er (Skubiszewski) der Meinung, Polen hätte richtig gehandelt.“ Gut ausgegraben, interessant. Ich frage mich immer wieder, warum sich Ungarn schon vor vielen Jahren zumindest verbal für die Vertreibung entschuldigt hat. Aus Polen kenne ich eine solche christlich-humanistische Haltung weder von der Politik noch von sonstigen Intellektuellen, darunter Historikern oder Publizisten. Gibt es ähnliche Stimmen in Polen, die diesen Massenmord – besser: die Vergewaltigung der elementaren Prinzipien der Menschlichkeit und des damals schon geltenden Völkerrechts – eindeutig verurteilen? Ein Recht auf „Rache” und „Vergeltung” gibt es nirgendwo, deshalb ziehen solche Argumente bei mir nicht.

    Klare Stellungnahmen lösen am schnellsten eine sachlich geführte Diskussion aus – und die ist dringend nötig.
    Selbstverständlich gebührt vollste Anerkennung für diese großartig ausgearbeitete Darstellung der Faktenlage in Schlesien nach 1945.
    Die Fortsetzung folgt …

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