Schlesiens Industrie – 1815-1914

Ein Gang durch die Geschichte – Die industrielle Entwicklung Schlesiens im Zeitalter des Liberalismus (1815-1914)

Konrad Fuchs
Ein Heft ohne weitere Spazifikation (vermutlich eine Sonderausgabe der Schlesischen Landsmannschaft)

Inhalt – Seite
Vorwort – 3
1. Die Anfänge – 5
II. Die Habsburgerzeit (1526-1740) – 8
III. Die preußisch-merkantilistische Epoche Schlesiens (1740-1806/15) – 14
IV. Die industrielle Entwicklung Schlesiens im Zeitalter des Liberalismus (1815-1914) – 17
V. 1. Weltkrieg – Zwischenkriegszeit – 2. Weltkrieg (1914-1945) – 22
VI. Ausblick – 27
Quellen und Literatur – 32

Vorwort

Schlesien umgreift die Ost-Abdachung der vielfach gegliederten Sudeten, denen die ,inselartigen Sudetenvorberge“, die fruchtbaren Ebenen die Oder entlang einschließlich ihrer Nebenflüsse sowie die flachwelligen Hügelketten der binnenländischen Landschwelle bzw. des Schlesisch-Polnischen Landrückens vorgelagert sind. Im Südosten geht der Landrücken südlich der Malapane in das Hügelland der Oberschlesisch-Polnischen Platte über. Umfaßt wird durch sie das Steinkohlenbecken südlich der Klodnitz. Die nahezu waldfreien Flußebenen und Hügellandschaften im Gebirgsvorland dienten einem intensiven Ackerbau und einer ausgedehnten Viehzucht.

Kennzeichen der niederschlesischen Heide sowie der Lausitzer Höhen im Norden sind umfangreiche Kieferbestände.

Werden und Wachsen Schlesiens als Industrielandschaft sind in engem Zusammenhang mit seiner Landesnatur, seiner geographischen Lage und seiner Bevölkerung zu sehen. Letztere wurde geprägt durch fränkische, thüringische und sächsische Bauern, Bürger, Handwerker und Bergleute. Sie folgten den Rittern und Mönchen. Maßgeblich beteiligt waren an der Besiedlung die Zisterzienser.,,Die grauen oder weißen Mönche wirkten zuerst 1175 in Leubus, das dann 1227 Heinrichau gründete, von welchem 1292 wieder Grüssau ausging. Im Jahr 1247 wurde Kamenz ebenfalls von Leubus besiedelt. Rauden in Oberschlesien erwuchs 1258, Himmelwitz 1280. Das wichtigste Frauenkloster Schlesiens war Trebnitz, das 1202 von Herzog Heinrich I. seiner Gemahlin Hedwig zuliebe gestiftet worden ist“ (Peter Moraw).

Obwohl die Oberhoheit über Schlesien im Laufe der Jahrhunderte mancherlei Wechsel unterworfen war, so blieb dies auf seine industrielle Entwicklung ohne nachteiligen Einfluß. Selbst der Einfall der Mongolen 1241, deren Vernichtungswerk gewaltig war, unterbrach sie nur vorübergehend, da die Mongolen nach ihrem Sieg auf der Wahlstatt bei Liegnitz bald wieder abzogen.

Der am 24. August 1335 geschlossene Vertrag von Trentschin ,markiert den Abschluß eines sich über viele Jahrhunderte erstreckenden friedlichen Aufbau- und Ausbauwerkes von europäischer Dimension, in dessen Verlauf Schlesien zu einem modernen, westlich geprägten, weithin deutsch besiedelten Territorium wurde, das sich innerlich und äußerlich von Polen löste und in den Verband des Deutschen Reiches hinüberwechselte“(J. J. Menzel).

1526 gelangte Schlesien einschließlich Bohmens durch Erbfolge an die Habsburger. 214 Jahre später eroberte Friedrich d. Gr. in drei Kriegen (1740-42, 1744-45, 1756-63) das Oderland, das durch die Heimsuchungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-48) schwer gelitten hatte, für Preußen. Daß es nun einen wirtschaftlichen Aufschwung sondergleichen nahm, lag nicht nur im Merkantilismus und im Wirtschaftsliberalismus begründet, sondern auch darin, daß es über hundert Jahre hinweg (1815-1914) von Kriegen verschont blieb.

Die drei Jahrzehnte vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 waren für die schlesische Industrie ebenso schwierig wie wechselhaft. Daß die aus der Abtrennung Ost-Oberschlesiens und der Inflation erwachsenden Schwierigkeiten gemeistert werden konnten, stellt eine beeindruckende Leistung der für Wirtschaft und Staat Verantwortlichen dar, jedoch auch der Arbeiterschaft Schlesiens in sämtlichen Bereichen der vielseitigen Industrie des Landes.

Die Konsequenzen der Weltwirtschaftskrise versetzten der Weimarer Republik den Todesstoß und brachten die Nationalsozialisten an die Macht. Ihre Wirtschaftspolitik wurde von Anfang an konsequent in die ehrgeizigen expansiven Zielsetzungen, die kriegerische Auseinandersetzungen einkalkulierten, einbezogen.

Nach Kriegsausbruch 1939 erlebte die schlesische Industrie einen letzten Höhepunkt sowohl auf dem grundstofferzeugenden als auch dem verarbeitenden Sektor. Ihm folgte seit Januar 1945, als der Krieg nach Schlesien getragen wurde, ein Absturz, wie er verheerender nicht hatte sein können. Bis heute hat sich die Industrie des Landes nicht davon erholt.

IV.
Die industrielle Entwicklung Schlesiens im Zeitalter des Liberalismus (1815-1914)

Die Zeit vom Jahre 1815 an setzte gänzlich andere Aspekte hinsichtlich der industriellen Entwicklung Schlesiens, denn sie waren nicht mehr vom Merkantilismus, sondern vom Liberalismus geprägt. Von ihm gingen nunmehr die Impulse aus, die das Wirtschaftsleben bestimmten. Das bedeutete, daß weniger der Staat, als vielmehr der Privatunternehmer zum Motor für den Industrialisierungsprozeß wurde (67). Es bedeutete zugleich, daß nicht mehr staatlicher Projektionismus, sondern der Wettbewerb auf den in- und ausländischen Märkten maßgebend wurde, was wiederum nur auf der Grundlage qualitativ hochwertiger Ware möglich war. Der die nunmehrigen Vorgänge kennzeichnende grundsätzliche Wandel ist durchaus zutreffend als industrielle Revolution bezeichnet worden. Unter welchen Gegebenheiten sie sich für die schlesische Wirtschaft vollzogen, mögen die folgenden Fakten verdeutlichen: Durch den Wiener Kongreß waren die Aufsplitterung und politische Schwäche Deutschlands in seiner Gestalt als Staatenbund erneut festgeschrieben worden. Lediglich im Rahmen der einzelnen Länder konnte der Wiederaufbau beginnen. Entschädigungen für die Kriegszerstörungen und -verluste der bis 1814 währenden Auseinandersetzungen, die sich maßgeblich auf deutschem Boden abspielten, wurden nicht geleistet. Die britische Industrie beherrschte, durch keine Konkurrenz beeinträchtigt, die Weltmarkte. Der technische Vorsprung der englischen Industrie beeinträchtigte jedweden Versuch, den Konkurrenzkampf mit ihr aufzunehmen. Der preuBische Staat, dessen Wirtschaft in seiner schlesischen Provinz am schwersten betroffen war, verwirklichte als erster durch das Zollgesetz von 1818 die Einheit seines Wirtschaftsgebiets und erschwerte die Einfuhr von fremden Industriewaren sowie von Getreide. Das im Jahre des Zusammenbruchs der Preise für landwirtschaftliche Produkte und der dadurch ausgelösten großen Agrarkrise erlassene Gesetz bewirkte den Prozeß, der 1833/34 zur Gründung des Deutschen Zollvereins führte, dem bis 1836 die Mehrzahl der Länder des Deutschen Bundes beitrat (68).

Für Oberschlesien wirkte sich nach 1815 die Zinkproduktion außergewöhnlich positiv aus, denn die Nachfrage nach diesem Metall, die wegen seiner guten Verwendungsmöglichkeit lebhaft war, führte dazu, daβ sich auf den dortigen Galmeivorkommen eine bedeutende Zinkindustrie entwickelte, nachdem Johann Christian Ruberg die Zinkherstellung erfunden und 1798 der erste Zinkofen Schlesiens zu Wessolla bei Myslowitz in Betrieb genommen worden war (69).

Die Zinkindustrie, aber auch die übrigen Wirtschaftszweige Schlesiens, hätten wohl kaum nach 1815 reussieren können ohne die durch die Königliche Seehandlung ausgelösten Initiativen (70). Das Institut, 1772 durch Friedrich d. Gr. ins Leben gerufen, war ein Finanz- und Bankhaus, doch auch im Handel engagiert. Auf drei Arten hat es vor allem unter seinem Präsidenten Christian v. Rother, der es von 1820 bis 1840 leitete (71), den Auf- und Ausbau der schlesischen Metall- und Spinnstoffindustrie mitzugestalten versucht:

  1. durch die Bewilligung von Geldvorschüssen gegen entsprechende Sicherheiten. Auf den Geschäftsverkehr der Beliehenen nahm das Institut dabei keinen Einfluß.
  2. durch Bereitstellung von Geldern bei gleichzeitiger Beteiligung an den betreffenden Unternehmen.
  3. durch die Errichtung eigener Unternehmen, um dadurch entweder Mängel im gewerblichen Leben abzuhelfen oder die Erhaltung solcher bestehender Einrichtungen zu sichern, die aus handelspolitischen Gründen für erhaltenswert angesehen wurden.

Seit den 1820er Jahren engagierte sich die Seehandlung vor allem im Wollgeschäft, dessen Existenz es gegen die starke in- und ausländische Konkurrenz zu sichern galt. Die Unterstützung erschöpfte sich nicht in der Bereitstellung finanzieller Mittel, sondern bezog sich auch auf den Verkauf der Wolle zu angemessenen Preisen (72).

Nicht übersehen werden dürfen im Zusammenhang mit den Unterstützungsmaßnahmen der Seehandlung, die nicht zuletzt eine Modernisierung des Textilgewerbes verfolgten, die hierher resultierenden Konsequenzen im sozialen Bereich. Sie dokumentierten sich in Lohnabbau, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Zwar wurden die von einer Baumwollschwemme begleiteten Auswirkungen der technischen Entwicklung von niemandem übersehen, doch wurden Gegenmaßnahmen kaum getroffen. Die Not der Weber entlud sich im Aufstand des Jahres 1844 (73). Deren Situation kommt in dem folgenden zeitgenössischen Bericht, dessen Zynismus nachdenklich stimmt, zum Ausdruck „Es ist in diesem (Winter 1844; K.F.) wie wohl in jedem Winter, namentlich aber in solchen Jahren, wo die Geschafte stocken, ein großer Andrang nach Arbeit, der zum größten Theile nicht befriedigt werden kann, da viele der Fabrikanten ihre Geschafte wesentlich in Folge ungunstiger Handels-Conjunkturen beschränken muBten, woraus sich die Nothwendigkeit ergab, daß jeder die schlechten, liederlichen Arbeiter verabschiedet und soviel als möglich sein Eigenthum redlichen Arbeitern anvertraute. In Folge dessen sind eine Menge Leute brodlos geworden, größtentheils faule, saumselige, liederliche Menschen, die es sich zur Aufgabe zu machen scheinen, gute und brave Leute zu beunruhigen, Unzufriedenheit und Aufruhr anzustiften … Nur durch energische Maaßregeln ist der Trieb zu Unordnungen, Freveln u.s.w. zu unterdrücken, durch Nachsicht und Milde wird diese Hefe der Bewohner verleitet, den ärgsten Mißbrauch und Frevel mit polizeilichen Vorschriften zu treiben“ (74).

Trotz der staatlichen Unterstützung blieb die Kapitalarmut über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg für die schlesische Textilindustrie bestimmend.

Während in Westdeutschland in der Textilbranche zahlreiche Aktiengesellschaften entstanden, drängte in Schlesien das anlagesuchende Kapital vor allem in die Gewinne versprechende Schwerindustrie des oberschlesischen und des Waldenburger Reviers. Demgegenüber blieb die Textilbranche im großen und ganzen eine typische Familienindustrie mit einer zu dünnen Kapitaldecke (75).

In Oberschlesien war den Aktiengesellschaften im schwerindustriellen Bereich das private Unternehmertum vorausgegangen. Nachdem der Staat mit seinen Produktionsanlagen Pionierarbeit geleistet hatte, folgten die Magnaten mit ihren Generaldirektoren und Generalbevollmächtigten als Lenker und Gestalter des modernen oberschlesischen Industriereviers. Im Waldenburger Revier verzögerte sich der Industriealisierungsprozeß, wozu die verspätete verkehrsmäßige Erschließung nicht zuletzt beitrug (76).

Das erste größere Engagement der oberschlesischen Magnaten im späteren Zentralrevier erfolgte bereits im 17. Jahrhundert. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts noch zaghaft, stärker in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber seit 1850 waren die oberschlesischen Adelsgeschlechter beim wirtschaftlichen Aufschwung Oberschlesiens engagiert. Die hervorragendsten sind die Henckel v. Donnersmarck, die v. Hohenlohe-Oehringen, die v. Pleß und die v. Ballestrem. Dem Bürgertum entstammten die Großunternehmer Godulla, Winckler und Borsig, jüdischer Herkunft waren Friedländer, Huldschinsky und Caro, um damit die bedeutendsten zu nennen (77).

So hoch man auch immer die staatlichen und privaten Initiativen zu veranschlagen hat, ohne die Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit der Arbeiterschaft sowie ein funktionstüchtiges Verkehrswesen wären ihnen Erfolge versagt geblieben. Nachdem sich die Arbeiterschaft zunächst aus dem Oderlande selbst rekrutiert hatte, da sich durch die von v. Stein initiierte Aufhebung der Gutsuntertänigkeit der Bauern am 9. Oktober 1807 und die generelle Aufhebung der Leibeigenschaft am 28, Oktober 1807 parallel zum sozial unterprivilegierten Landarbeiterstand ein Industriearbeiterstand bildete, führte der fortschreitende Industrialisierungsprozeß, zumal seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, dazu, daß der Arbeitskräftebedarf in Schlesien selbst nicht mehr gedeckt werden konnte. Daher sahen sich die Unternehmer, vor allem die Oberschlesiens, veranlaBt, auf ausländische Arbeitskräfte zurüickzugreifen, doch vielfach auch auf Frauen und Jugendliche. Das ausländische Arbeitskräftepotential, das sich zumal aus der Bevölkerung Kongreßpolens, das zu Rußland gehörte, und Galiziens, das ein Teil Osterreich-Ungarns war, rekrutierte, kam in drei Schüben nach Schlesien. Der erste umfaßte die beiden Jahrzehnte von 1865 bis 1885, der zweite das Jahrfünft von 1885 bis 1890, der dritte die knapp zweieinhalb Jahrzehnte von 1890 bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges (78). Zur oberschlesischen Arbeiterschaft ist zutreffend festgestellt worden, daß sie „genügsam und zäh“gewesen sei; auf ihr habe „letzten Endes die Zukunft Oberschlesiens“ beruht (79).

Was das Verkehrswesen betrifft, so ist zunächst festzustellen, daβ Schlesien nicht nur unter der Verkehrsferne zu den bedeutenden westdeutschen und westeuropäischen Märkten litt, sondern hinsichtlich der Gestaltung seiner Verkehrswege auch lange stiefmütterlich behandelt worden war. So erwies sich der durch Friedrich d. Gr. geplante und nach langer Bauzeit fertiggestellte Klodnitz-Kanal wegen seiner geringen Abmessungen und der zahlreichen Schleusen als unzulänglich, abgesehen davon, daß die Entfernung von seinem Endpunkt, dem Gleiwitzer Hafen, und dem zentralen Kohlenrevier um Beuthen und Kattowitz seine Aufgabe, der wesentliche Verkehrsträger der oberschlesischen Montanindustrie zu sein, beeinträchtigte (80).

Solange es keine Schienenwege gab, die Schlesien innerhalb und über die Landesgrenzen hinaus erschlossen, war die Oder die bedeutendste Verkehrsader, sieht man von den Landstraßen einmal ab. Doch bis zu Beginn der 1840er Jahre war ihr Zustand ,,erbärmlich“. „Als Graf Renard in den vierziger Jahren auf dem Zwadzkiwerk den Puddelbetrieb einführte, baute er unter einem Aufwand von 180000 Talern eine sechzig Kilometer lange, von Zwadski nach Peiskretscham fuhrende Kunststraße, die sich hier mit der von Oppeln nach Gleiwitz führenden Staatsstraße verband“ (81).

Schlesiens Integration in das europäische Eisenbahnnetz begann, als der Bau der Eisenbahn von Breslau nach Myslowitz erfolgte. Der Abschnitt von Breslau nach Oppeln über Ohlau und Brieg wurde 1842/43 gebaut; die Strecke Schwientochlowitz-(Königshütte)-Oppeln konnte am 31. August

1845 eroffnet werden. Am 13. Juni 1847 schließlich erfolgte die Inbetriebnahme der Verläangerung von Myslowitz bis zur Landesgrenze bei Slupna (82).

Sobald diese Strecke fertiggestellt war, womit eine Verbindung zwischen Breslau und Oberschlesien sowie in Slupna ein Anschluß an die Eisenbahn nach Krakau bestand, ging es darum, innerhalb Schlesiens und über die Landesgrenzen der Provinz hinaus weitere Schienenstraßen zu schaffen, um dadurch den wachsenden Anforderungen von Handel und Gewerbe an den Verkehr gerecht zu werden. Nachdem 1842/43 von Berlin über Frankfurt/Oder ein Schienenstrang nach Breslau einerseits und von Berlin nach Stettin andererseits entstanden war, wurde zwischen 1853 und 1856 die Strecke von Breslau nach Posen gebaut. Sie fand ihre Fortsetzung in der Linie Posen-Stargard. Damit verfügte Schlesien 1856 über Eisenbahnverbindungen zur Ostsee bzw. zu den Provinzen Posen, Westpreußen, Brandenburg und der Hauptstadt Berlin. Die weitere Ausgestaltung des deutschen sowie des benachbarten ausländischen Schienennetzes hatte Schlesien 1846 Verbindungen mit Hamburg und Wien, 1847 mit Sachsen gebracht. 1857 erfolgten Anschlüsse nach Königsberg und Triest (83)

Das seit den 1840er Jahren geschaffene Eisenbahnetz trug maßgeblich dazu bei, daß sich innerhalb der schlesischen Industrie, zumal der Oberschlesiens, Großbetriebe entwickeln konnten84). Begleitet war dieser Prozeß von einer Reihe von Wirtschaftskrisen. Besonders nachteilig wirkten sich die von 1849, 1873 und 1893 aus85).

Betroffen wurde durch die wirtschaftlichen Wechsellagen vor allem die Arbeiterschaft. Lohnkürzungen und Verlust des Arbeitsplatzes waren die häufigsten Konsequenzen. Dennoch ist nicht zu übersehen, daß trotz der nach wie vor auch in wirtschaftlich guten Zeiten bestehenden Mißstände, so der überlangen Arbeitszeiten, der Arbeitsbedingungen, der Einkommensverhältnisses und des Wohnungswesens, die Verhältnisse sich besserten, wenn auch nur ganz allmählich (86). Der Grund dafür ist darin zu sehen, daß die deutsche Wirtschaft sich unter dem Zeichen von Kohle und Eisen bis zum Ausbuch des 1. Weltkriegs zur fuhrenden Industriemacht Europas entwickeln konnte.

Wie sich die Verhältnisse in Oberschlesien in der Zeit von 1805 bis 1912 gestalteten, verdeutlichen die folgenden Zahlen: 1805 wurden hier 409650 Ztr. Roheisen und 204800 Ztr. Stabeisen produziert. Im Jahre 1912 erreichte die Roheisenerzeugung des Reviers 1049285 t, die Rohstahlerzeugung 1129596 t und die Schweißeisenerzeugung 88222 t. Die Hochofenwerke umfaßten 36 Hochöfen, die Stahlwerke 5 Thomasbirnen, 52 Siemens-Martinöfen, außerdem 97 Puddelöfen; die Walzwerke 5 Blockstraßen, 39 Grob-,Mittel- und Feinstraßen, 3 Universalstraßen, 26 Grob- und Feinblechstraßen sowie 42 sonstige Walzenstraßen. Dazu traten noch in Großschmieden 66 Hämmer und in Preßwerken 13 Schmiedepressen (87).

Die Vielfalt der schlesischen Industrie, die sich vor allem im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte, umschloß 19 Bereiche. Als bedeutendste seien die folgenden genannt: Bergbau und Hüttenwesen, Maschinenbau, Metallerzeugung, Chemie, Nahrungs- und Genußmittel, Porzellan-, Steingut- und Glaswarengewerbe, Holz- und Papierwarenindustrie, Textil- und Leinwandfabrikation. Von den Spezialproduktionen seien genannt die Stickerei, das Druckerei- und Verlagswesen, die Uhrenindustrie sowie die Musikinstrumentefabrikation (88).

Herausragend als Produktions- und Handelsplatz war Breslau. Die Produktionsbetriebe umfaßten 13 Maschinenbauanstalten, 2 Eisenbahnwaggonanstalten, 13 Bau- und Möbeltischlereien, 7 Parkettfabriken, 100 Rum- und Spritfabriken, je 12 Leder- und Lederwarenfabriken, 31 Strohhutfabriken, 21 Zigarren- und 2 Zigarettenfabriken sowie 10 ,.Ölfabriken“. Die Bedeutung Breslaus als Handelsplatz kommt darin zum Ausdruck, daß es hier einen Woll-, Flachs-, Leder-, Honig- und Maschinenmarkt gab, zudem 4 Jahrmarkte, 5 Roß- und Schlachtviehmarkte sowie täglich Getreidemärkte. Für den Zwischen- und Ausfunrhandel der schlesischen Hauptstadt, zudem der gesamten Provinz, besaßen sie erhebliche Bedeutung (89)

Mit seiner Vielzahl von Industriezweigen gehörte Schlesien zu den industrieintensivsten Regionen Deutschlands und darüber hinaus Europas. Handel und Verkehr, aber auch das Finanzwesen hatten sich dementsprechend entwickelt. Bedeutendster Finanzplatz des Landes war Breslau, unter dessen zahlreichen Bankhäusern v. Eichborn und E. Heimann dominierten (90) Trotz der insbesondere durch seine geographische Lage bedingten Nachteile hatte sich Schlesien bis Ausbruch des 1. Weltkrieges zur weitaus bedeutendsten Industrielandschaft Ostdeutschlands und zu einer der herausragenden des gesamtdeutschen Raumes entwickelt.

Anmerkungen

67) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Vom Dirigismus zum Liberalismus, a.a.O. S. 88 passim.
68) Vgl. hierzu u.a. Hans Joachim Straube, Die Gewerbeförderung Preußens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung der Regierungsmaßnahmen zur Förderung der Industrie durch Erziehung und Forbildung, Diss. Berlin 1933.
69) Vgl. hierzu Josef Kania, Zum 100jährigen Bestehen der oberschlesischen Zinkindustrie, in: Kohle und Erz. Zeitschrift des Vereins techn. Bergbeamten Oberschlesiens u. des Vereins techn. Bergbeamten Niederschlesiens, 6. Jg.(1909), S.492.-Zu Ruberg vgl. Georg Büchs, Johann Christian Ruberg, der erste oberschlesische Zinkfabrikant, in: Katholischer Volkskalender (1934),3. 72/74.
70) Vgl. hierzu P. Schrader, Die Königliche Seehandlung (Preußische Staatsbank) Diss. Münster in Westf.(Berlin 1911), S. 1.
71) Vgl. hierzu,,Das Königlich-Preußische Seehandlungsinstitut und dessen Eingriffe in die bürgerlichen Gewerbe, dargestellt und beleuchtet durch O. Th. Risch (1845)
72) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Schlesiens Industrie. Eine historische Skizze (Silesia, Folge 2), München 1968, S. 22 f. und Kap. Il, Anm. 23.
73) Vgl. hierzu u.a. W. Wolff, Das Elend und der Aufruhr in Schlesien, in: Carl Jantke/D. Hilger (Hrsg.), Die Eigentumslosen, Freiburg u. München 1965.
74) Erste Beilage zur Königl. privilegierten Berlinischen Zeitung“, Nr.144, Sonnabend. den 22. Juni 1844.
75) Vgl. hierzu ,Das Werk von fünf Generationen. 150 Jahre Dierig“. Hrsg. von der Christian Dierig Aktiengesellschaft Augsburg (1955), S. 20.
76) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Schlesiens Industrie, a.a.O. S. 18.
77) Vgl. hierzu Alfons Perlick,a.a.0. S. 52,53, 58,241,57,240,62,63,243,49.82.83, 243, 79, 80, 247, desgl. Konrad Fuchs, Jüdisches Unternehmertum in Schlesien. in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte,(München u. Zürich) 1994. hrsg. v. Julius H. Schoeps u.a., S. 71-94.

78) Vgl. hierzu Lawrence Schofer, Die Formierung einer modernen Arbeitschaft Oberschlesien 1865-1914 (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universitat Dortmund, Reihe A -Nr. 37), Dortmund 1983, S.41.
79) Walter Kuhn, a.a.O. S. 360.
80) Vgl. hierzu Karl Tanzer, a.a.O. Blatt 21.
81) Ebd.
82) Vgl. hierzu ,Die historische Entwicklung des Deutsch-Oesterreichischen Eisenbahnnetzes vom Jahre 1838-1881″. XII. Ergänzungsheft zur Zeitschrift des Kgl. Preußischen Statistischen Bureaus, hrsg. vom Kgl. Preußischen Statistischen Bureau (Berlin) 1883, S. 83.
83) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Vom Dirigismus zum Liberalismus, a.a.O. S. 171 f.
84) Vgl. hierzu Karl Tanzer, a.a.O. Blatt 22.
85) Vgl. hierzu Karl Erich Born, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs (1867/71-1914), Stuttgart 1985, S. 107-119.

86) Zu den oberschlesischen Verhältnissen und ihrer Entwicklung vgl. Toni Pierenkemper(Hrsg.), Industriegeschichte Oberschlesiens im 19. Jahrhundert. Rahmenbedingungen – Gestaltende Kräfte. Infrastrukturelle Voraussetzungen. Regionale Diffusion, Wiesbaden 1992.
87) Vgl. hierzu Karl Tanzer, a.a.O. Blatt 23.
88) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Vom deutschen Krieg zur deutschen Katastrophe (1866-1945), in: Norbert Conrads (Hrsg.), Schlesien (Deutsche Geschichte im Osten Europas 4), Berlin 1994, S. 565 ff.
89) Ebd. S. 569.
90) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen der schlesischen Verwaltung von 1815-1945: VII. Bank-, Kredit- und Versicherungswesen, in: Gerd Heinrich, Friedrich-Wilhelm Henning, Kurt G. A. Jeserich (Hrsg.), Verwaltungsgeschichte Ostdeutschlands 1815-1914. Organisation -Aufgaben-Leistungen der Verwaltung, Stuttgart/Berlin/Koln 1991, S. 965-71; hier S.966/67.


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