Oberschlesien in der Aufstandszeit 1918-1921, Teil 3

Erinnerungen und Dokumente von Karl Hoefer Generalleutnant a.D.

Ab Seite 16, Abschnitt 17

So wie beim Divisionsstabe lagen auch die Verhältnisse mit den Offizieren bei den Truppen. Oft Mangel an ihnen, trotz immer erneuter Hilferufe, Mangel, der die Schwierigkeiten des Wiederaufbaues sehr verzögerte und Mangel auch vor allem aus Gründen, die der Truppe mit Recht völlig unverständlich erschienen. Fast alle Hilferufe verklangen ungehört. Desto höher steht das Verdienst derjenigen Offiziere, die trotz langer Kriegsjahre, trotz dauernder Enttäuschungen bei der Reorganisation ihrer Truppen auf ihrem Posten blieben und unter häufig geradezu unwürdigen Verhältnissen ihren Dienst versahen. Unteroffiziere und Mannschaften kamen und gingen, wem es nicht passte, der kündigte eben. Aber auch unter ihnen bei Stab und Truppen gab es so manches prächtige, von alt-preußischem Soldatengeist erfüllte Männer, die den Gemeinnutz über den Eigennutz stellten, opferfreudig in hingebender, mühseliger Tätigkeit dem Vaterlande in seinem Unglück erst recht mit ganzem Herzen dienten. Diese Offiziere und diese Unteroffiziere und Mannschaften waren die ruhenden Pole. Die das viele Verdrießliche, welches die unerhörten Verhältnisse ihnen brachten, um Deutschland willen in soldatischem Pflichtgefühl einsteckten und ausharrten.

Ab Seite 17, Abschnitt 18

Damals nun, im Dezember 1918, waren es gar wenige bescheidene Verbände, die den schwachen und kranken Stammtruppen der Division für die lange zu sperrende Grenzlinie und, wie sich gar bald herausstellte für die andere wichtige Aufgabe, den Schutz des großen Innenbezirkes mit seinen zahllosen wertvollen Werken, zu Verfügung standen. Da diese Truppen bei weitem nicht ausreichten, um ihre Zwecke erfüllen zu können, wurden der Division im Laufe des Jahres, je nachdem das Generalkommando oder das Reich Kräfte verfügbar hatten, und die Gefahrenlage Oberschlesiens es erforderlich machte, weitere Formationen bald länger bald kürzer zugeteilt. Alle haben die ihr Bestes hergegeben, fast alle auch mit Toten und Verwundeten ihre Tätigkeit zum Schutze der deutschen Ostmark bezahlt. Gewiss war es nicht jeder Truppe gegen, sich schnell den schwierigen Verhältnissen anzupassen; Übergriffe und Missgriffe kamen daher vor. Aber wie gering auch in der ersten Zeit der innere Wert der Truppen war, so war sie doch erfüllt von dem heiligen Willen, sich bis zum Tode einzusetzen für die Erhaltung Oberschlesiens beim deutschen Vaterlande. Dank ist all den vortrefflichen Männern, die sich in dieser Notzeit für Oberschlesien eingesetzt hatten, kaum geworden. Raummangel zwingt auch mich zu meinem Bedauern, davon abzusehen, sie und ihre Einzelhandlungen hier alle aufzuführen. Das Bewußtsein treuester Pflichterfüllung in Deutschlands schwersten Tagen wird ihnen Genugtuung sein, und sie werden sich ihr ganzes Leben glücklich schätzen, nicht zu denen gehört zu haben, die nach Beginn der Revolution die Flinte ins Korn warfen und sich abwartend abseits hielten.

Ab Seite 17, Abschnitt 19

Es darf hier weiter vermerkt und offen ausgesprochen werden, dass es der vorgesetzten Dienststelle der Division, dem Generalkommando des VI. Armeekorps in Breslau, nach der Revolution nur schwer gelang die Soldatenräte durchzusetzen; denn in dem Chaos dieser Novembertage reichte der Kommandierende General sofort den Abschied ein und der Chef des Generalstabes bemühte sich alsbald um ein Frontkommando. Infolgedessen war von dieser höchsten militärischen Stelle Schlesiens weder etwas zu erreichen noch zu erhoffen. Erst von Mitte Januar 1919 ab besserte sich dies, als der bisherige Ia des Generalkommandos, Major Hestenberg, zuerst stellvertretender und dann wirklicher Chef dieses Korps wurde. Hiermit trat ein praktischer Generalstabsoffizier an die richtige Stelle, vernünftig, gute Nerven, der seine Hauptaufgabe zunächst darin sah, das Soldatenrats-Gesindel abzuwürgen*, und so der Truppe am unmittelbarsten zu helfen. Hesterberg hatte Verständnis für die Nöte der Truppen und führte den Kampf hauptsächlich nach oben, nicht nach unten. Wenn so manche unserer Wünsche nicht erfüllt wurden, so wussten wir, wie schwer es auch den Dienstvorgesetzten fiel, sich durchzusetzen. Bei aller Anerkennung der Bemühungen vorgesetzter Behörden haben wir und nie auf sie verlassen. Das Leitwort, unter dem, die Division in Oberschlesien arbeitete, war „Selbst ist der Mann!“ Freilich war sie aus eigener Kraft nicht immer imstande, die Bedürfnisse voll zu erfüllen; dazu wäre sie nur bei ganz anderer Unterstützung durch die höheren Dienststellen befähigt gewesen. Es fehlte dort an rücksichtslos durchgreifenden Persönlichkeiten und die hohen Führer haben die Klagen oft für übertrieben an.

*) Bgl. Hesterberg, „Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten“, Verlag W. G. Korn, Breslau.

Ab Seite 18, Abschnitt 20

Taktisch unterstand die 117. Infanterie Division jetzt der Gruppe Ost in Oppeln. Linker Nachbar war die 2. Garde-Division, zeitweise auch die 12. Infanterie Division Wert aller Truppen des alten Heeres gleich gering.

Das in dem neuen Bezirk bereits befindliche Militär wurde den schwachen Stammtruppen der Division angegliedert und ihr für den Notfall das Verfügungsrecht über die der stellvertretenden 23. Infanterie Brigade, Standort Gleiwitz, unterstellt bleibenden Ersatzformationen und über die selbstherrlichen „Republikanischen Volkswehr-Bataillone“ erteilt.

Letztere waren als Gegengewicht gegen die Feldtruppen und die Freikorps geschaffen worden. Die Verhältnisse waren hier in dem dich bevölkerten Industriegebiet noch wirrer und wilder als westlich der Oder. Von den übernommenen örtlichen Truppen hatten kaum welche militärischen Wert. Die Ersatzbataillone und Ersatzeskadrons bildeten eine völlig entartete Soldatenska, und die vorerwähnten Volkswehren, die von den Kommunen und der Industrie hoch entlohnt wurden, waren nicht besser. Die Division beantragte die Auflösung der Ersatz-Formationen beim Generalkommando, aber ohne Erfolg, da die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte im Reich zu stark war. Der Kampf um die Kommandogewalt *) hatte in den Berliner Regierungsstellen wohl schon eingesetzt, konnte aber nicht von heute auf morgen gelöst werden. Später verfügte eine Abteilung des Generalkommandos die Auflösung der Ersatz-Formationen, aber niemand dachte daran, diesen Befehl auszuführen, und eine andere Abteilung desselben Generalkommandos bestätigte sie dann ausdrücklich in ihrem Bestand. Von der Ausführung meiner Absicht, diesen Krebsschaden durch energisches und rasches Vorgehen zu beseitigen, musste ich absehen; einer solchen Belastungsprobe, bei der es sich sicher um Aufstand in fast allen Städten Schlesien und um Generalstreik, der ganz Deutschland schädigte, gehandelt hätte, waren meine eigenen Truppen noch nicht gewachsen. Mit aller Schärfe hatte ich immer wieder nach oben darauf hingewiesen, dass den Vorgesetzten die Kommandogewalt wiedergegeben werden müsste, wenn die Truppen in Ordnung gebracht werden sollten, dass die Anwerbung von Freiwilligen genehmigt und die Zuweisung weiterer Truppen zu erfolgen hätte, wenn Oberschlesien nicht verloren gehen solle; denn die polnische und die bolschewistische Gefahr seien groß.

Ab Seite 19, Abschnitt 21

In einer Sitzung im Breslauer Rathaus am 30. Dezember 1918, an der u.a. der preußische Ministerpräsident Hirsch und der Volksbeauftragte Landsberg teilnahmen, wurde erklärt, dass die Reichsregierung gegen die von Osten drohende Gefahr mit allen verfügbaren Mitteln einen starken Schutz schaffen wolle. Schöne Worte, denen aber wenig Taten folgten! Allmählich wurden uns Verstärkungstruppen zugeführt. Ich erließ einen Aufruf zur Anwerbung bereits entlassener Offiziere und Soldaten*. Die Grundbedingung für die Schaffung einer disziplinierten Truppe, welche am wirksamsten in Oberschlesien das Vertrauen zu Deutschland wiederherstellen konnte, war und blieb die Beseitigung der Rätewirtschaft; leider ließ die Zeit, wie sie nun einmal war, dies noch nicht zu. Der Kampf gegen diese russischen Bespielen nachgeahmten Gebilde nahmen die militärische Vorgesetzten dauernd stark in Anspruch. Die Garnison – Soldatenräte waren eine gesetzliche Institution, sie stützten sich auf die Ersatz- und die Volkswehrformationen und hatten Rückhalt bei den revolutionären Regierungsstellen. Ende Dezember 1918 hatte das Generalkommando auf höhere Weisung sogar verfügt, dass die seit längerer Zeit bestehenden Vertrauensmänner bei den Stammtruppen der Division ebenso wie im ganzen alten Heere laut Gesetz den Titel „ Soldatenräte“ zu führen hätten. So verhasst diese Bezeichnung auch war, so war doch Widerstand damals aussichtslos , nicht aber das bisherige System. Mit Ausnahmen versahen sie ihr Amt in erträglicher Weise, d.h. sie beschränken sich auf das wirtschaftliche Gebiet, fügten sich den Anordnungen der bewährten Führer und übten zuweilen in nutzbringender Weise Vermittlertätigkeit. Ein Merkblatt des Generalkommandos VI. U.-K. Vom 3.2-1919 stellte später die Rechte und die Pflichten dieser Leute dar.

* s. Anlage 4 (Seite 368)

Ab Seite 19, Abschnitt 22

Die Wiedergesundung der zerrütteten militärischen Machtmittel war oberstes Ziel. Mit Hochdruck wurde daran gearbeitet, den alten soldatischen Geist wieder zu heben, die Ausbildung zu vervollkommnen und den Wert der Truppen durch Sichtung, Zusammenfassung und Neugliederung der Verbände zu steigern. Besondere Ausbildungsabteilungen arbeiten den Truppen in die Hand. Durch die vorerwähnten notwendigen Entlassungen sanken die Truppenstärken immer wieder herab, und es war schwer, genügend Ersatz zu erlangen. Die taktische Einteilung und Verwendung der jeweils zur Verfügung stehenden Truppen, ihre Führer, ihre Stärken, ihre Unterkunft usw. sollen hier nicht näher erörtert werden, bei den vielfach wechselnden Verhältnissen änderten sie sich oft. Doch enthalten die Anlagen 1 bis 3 mehrere Truppenlisten an bestimmten Tagen und eine Truppenübersicht für die ganze Zeit. Im ganzen waren zwei, zeitweise drei Abschnitte gebildet, die für den Schutz der Grenze und für die Ordnung in Inneren zu sorgen hatten; hinter ihnen stand eine Reserve der Division. Der Wert der zugeteilten Verstärkungstruppen war meist nicht höher als der der Stammtruppen der Division. Die soldatisch besten waren die Freikorps. Im großen Zusammenbruch nach 1918 hatten sich diese unter Duldung der Reichsregierung gebildet oder waren von ihr selbst zu ihrem Schutze gebildet worden. Es waren alte und junge ungebrochene Frontsoldaten, welche trotz vieljährigen Ringens an den Fronten des großen Krieges in der verzweifelten, beinahe aussichtslosen Lage des Reiches freiwillig von neuen zu den Waffen gegriffen hatten, zumeist um für die verratene, aus tiefen Wunden blutende Heimat die äußeren Feinde an den Grenzen und die bolschewistische-marxistischen Feinde im Inneren Deutschland niederzuringen. Dazu fand sich begeisterte, opferbereite Jugend. Sie haben viel dazu beigetragen, das Reich und seine Einheit vor dem Schlimmsten zu bewahren. Revolutionär in der Form, konservativ im alten preußischen Soldatengeist hielten sie sich frei von dem zerfetzenden Soldatenrats-Wahnsinn. Mit starker Führerautorität von oben und gern entgegengebrachten Disziplin von unten ging es den meisten von ihnen nicht um Ruhm, Gewinn und Dank, sondern um ihr deutsches Volk und ihr deutsches Vaterland. Um dieses vor dem Zerfall zu bewahren halfen sie den schwächlichen Regierungen, die von ihnen missachtet wurden, des Chaos im Inneren und an den Grenzen Herr zu werden. Als dies nach manchen Opfern gelungen, der Mohr seine Schuldigkeit getan, sind die Freikorps z.T. in wenig schöner Weise abgeschüttelt worden, und manche ihrer Angehörigen hat man später verfolgt und geächtet. Allerdings schadeten einzelne Freikorps ihrem Ruf durch zu wildes Verhalten.

Ab Seite 20, Abschnitt 23

Wie schon erwähnt, wäre es m. E. (meines Erachtens) zweckmäßiger gewesen, an stelle von marxistisch verseuchten Truppen des alten Heeres in größerem Umfange solche neuen, frischen Gebilde zu schaffen, sie aber auch fest in die Hand zu nehmen. Mehrfach kamen Weisungen von oben, auch die Freikorps zur Einführung von Soldatenräten zu veranlassen. Aber dies wäre ein törichtes Beginnen gewesen, denn der besondere Wert und Stolz der Freikorps war es ja gerade, sich von dem Soldatenratsunfug frei zu halten. Das bei ihnen herrschende Prinzip der Führung durch Persönlichkeiten gab ihnen ja vor allem die Überlegenheit über die anderen Truppen. Vertrauensleute waren auch hier vorhanden, aber Übergriffe von ihnen wären nie geduldet worden. Durch den Wunsch, eine möglichst große Truppe zu haben, verwässerten leider manche Freikorps. Ein jahrelanger Krieg erzeugt immer Landsknechtsnaturen, denen das Kriegsspielen lieber ist als produktive Arbeit. Herrscht dabei, wie dies hier der Fall, noch Arbeitslosigkeit, dann sucht natürlich auch mancher andere zur Entlassung gekommene Soldat Unterschlupf bei militärischen Verbänden. Die Güte der Freikorps hing noch mehr als bei anderen Truppen ausschlaggebend von der Person ihres Führers ab. Ein besonderes, persönliches Pflichtverhältnis verband hier alle Angehörigen mit ihrem Führer. Das bedingte freilich, dass dieser dauernd in lebendigstem Blutzusammenhang mit seinen Leuten blieb. Die letzte Bedeutung der Freikorpsführer beruhte gar nicht so sehr auf ihren handgreiflichen Leistung, wichtiger war noch die Wirkung in der Steigerung des Selbstbewusstseins, das sie bei den Geführten auslösten. Da dies auch die Grundlage für die nationalsozialistische Bewegung bildet, sind die Freikorps Vorläufer und Wegbereiter für diese gewesen. Ein wahres Führertum ist angeboren, es lässt sich nicht erlernen. Und nur ein so begnadeter Soldat kann eine solche Gefolgschaft zusammenhalten! Auch im alten Heere etwas bedenklich beurteilte Persönlichkeiten, besonders unbequeme Untergeben, haben sich als Freikorpsführer gut bewährt. Die Freikorps hatten besonders qualitativ einen besonderen Zustrom an Freiwilligen als die Feld-Divisionen. Bei beiden entsprach die Zahl der Meldungen an Freiwilligen nicht den Erwartungen. Anfang Februar wurde daher beim Generalkommando erwogen, ob wir nicht einen Jahrgang wieder ausheben sollten. Dies geschah aber nicht.

Ab Seite 21, Abschnitt 24

Die Verhältnisse, unter denen die Truppen ihren Dienst an der Grenze und im Inneren bei stetiger Ausbildungstätigkeit versahen, waren wahrlich nicht verlockend. Zumeist inmitten einer groß-polnisch oder spartakistisch verhetzten Bevölkerung, die jeden deutschen Soldaten mit Gift und Galle bespie, führten diese bei oft jämmerlicher Unterkunft, knapper Verpflegung und mangelhafter Bekleidung ein wenig schönes Dasein, und die Erfüllung ihrer Aufgaben war nicht leicht. Zusammenstöße mit verhetzter Bevölkerung, hinterlistige Überfälle auf Soldaten, Plänkeleien an der Grenze kamen dauernd vor. Nur einiges davon sei hier erwähnt.

Um die Jahreswende herrschten auf zahlreichen Gruben ausgedehnte Streiks, so dass die Reserven ausschließlich zur Bewachung der wertvollen Industrieanlagen gegen Sabotage verwendet werden mussten. Die Hetze der Agitatoren richtete sich besonders gegen den Grenzschutz, der ihren Terror in Schranken hielt. Der Versuch eine von Reserve-Jägerbataillon Nr. 11 ( von Chappuis) gestellte wache in Königshütte am 5. Januar 1919 zu entwaffnen, zwang diese von der Waffe Gebrauch zu machen. Es gab Tote und Verwundete, aber durch das entschlossene Auftreten des Militärs wurde nicht nur der Schutz des ihm anvertrauten Gebäudes bewirkt, sondern es trat Mancherorts auch wieder auch wieder Ruhe und Ordnung und Arbeitsaufnahme ein. Hier zeigte sich, was energisches handeln vermag zum Segen der Allgemeinheit. Es war wie stets sofortiger Abzug des Militärs aus Königshütte gefordert worden, sogar mit dem blöden Ansinnen der Entwaffnung, was ablehnt wurde. Der wütende Hass der in großer Überzahl gegenüberstehenden Spartakisten und Polen hatte das brave Häuflein der Chappuis – Jäger nicht geschreckt, und sie hatten vollen Erfolg gehabt. Auch die anderen Truppen in den unruhigen Bezirken: Beuthen – Chorzow – Kattowitz hatten die Belastungsprobe auf ihre Zuverlässigkeit im wesentlichen bestanden.Vorteilhaft trat das eben erst der Division zugeteilte kleine, aber nach soldatischem Geist und Kampfwert vortreffliche Freiwilligen – Detachement von Aulock hervor. Auf die republikanischen Volkswehren aber war nicht der geringste Verlass.

Ab Seite 22, Abschnitt 25

Zu dieser Zeit, um die Jahreswende 1918/19, war ein Feldwebel, Otto Hörsing, vor dem Kriege sozialdemokratischer Gewerkschaftssekretär in Schlesien, vom Volksrat in Breslau als besonders geeignete Persönlichkeit nach Oberschlesien gesandt worden und bekleidete seit Weihnachten 1918 in Kattowitz die Stelle eines Vorsitzenden des dortigen Garnison-Soldatenrats. Bei den Unruhen in Königshütte hatte sich Hörsing als energischer Mann erweisen mit Einfluss auf die Arbeiterschaft. Da die Truppe im Recht war, hatte er sich offen auf ihre Seite gestellt und ihre Forderungen unterstützt. Auch der Vorsitzende des Zentral–Soldatenrats beim Generalkommando Voigt (vorher Gewerkschaftssekretär Garnisonsoldat) und der einflussreiche Gewerkschaftssekretär Löffler hatten erklärt, dass es Schuld des Königshütter Mobs gewesen war, wenn Blut geflossen sei. Am 6. Januar war der Belagerungszustand über Königshütte und Umgegend verhängt worden. Ich überlegte, wie solche bedauerlichen Zwischenfälle eingeschränkt werden könnten. Ohne mich der Pflicht zu begeben, bei Unruhen aus eigenem Recht militärische Hilfe anzuordnen, wurde eine Instanz geschaffen, die von Fall zu Fall beraten sollte, ob militärische Hilfe angefordert werden soll. Die Truppen empfanden dies dankbar, da der Verhetzung gegen sie in sofern vorgebeugt wurde, als sie in der Regel nur auf Aufforderung der obersten Arbeitervertretung handelten; die Arbeiterräte der einzelnen Werke lehnten erfahrungsgemäß stets jede Verantwortung ab. Am 6. Januar 1919 wurde Hörsing zum Vorsitzenden dieses in das Industriegebiet vorgeschobenen Meldekopfes, auch Zentral-Arbeiter- und Soldatenrat für Oberschlesien genannt, mit Sitz in Kattowitz gewählt. Als militärischen Berater in diesen Meldekopf entsandte ich zuerst den vortrefflichen Hauptmann in einer Generalstabstelle, Freiherr von Bothmer, und als dieser auf anderem Posten benötigt wurde, den Hauptmann der Reserve Rangen, eine verständige und energische Persönlichkeit, der sich sowohl auf dieser Stelle, wie später bei der Säuberung der republikanischen Volkswehr gut bewahrt hat. Die Schaffung dieses Meldekopfes war für mich auch besonders Mittel zum Zweck, der verderblichen Soldatenratswirtschaft ein Ende zu bereiten. Es war ein sehr gewagtes Mittel, ein Austreiben des Teufels mit Hilfe des Beelzebub, aber es führte zum Erfolg. Von März 1919 ab war der Soldatenrats- und Volkswehreinfluss im Bezirk der 117. Infanterie Division, der durch seine riesige Industrie der bei weitem schwierigste in Schlesien war, fast ganz gebrochen, während andere Bezirke noch länger von dieser Seuche geplagt wurden. Hörsing wurde Anfang März Staatskommissar für Oberschlesien mit Sitz in Kattowitz; später Reichs- und Staatskommissar für Schlesien und West-Polen mit Sitz in Breslau. Da ihm die Deutsch-Erhaltung Oberschlesiens als Aufgabe gesetzt war, suchte er sich naturgemäß mit dem Militär gut zu stellen. Dies ergab eine loyale Zusammenarbeit, wobei wir Soldaten uns aber wohl bewusst waren, was die Sozialdemokratie dem Militär, in Sonderheit dem Offizierkorps angetan hatte und nach Abwendung der Polen- und anderer Gefahren wohl wieder antun werde.

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