Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges
MATERIALIEN UND STUDIEN ZUR OSTMITTELEUROPA-FORSCHUNG
Herausgegeben vom Herder-Institut e.V.
Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges. Genese und Begründung polnischer Gebietsansprüche gegenüber Deutschland im Zeitalter des Nationalismus.
Roland Gehrke
Genese und Begründung polnischer Gebietsansprüche gegenüber Deutschland im Zeitalter des Nationalismus.
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Vorwort
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung meiner gleichnamigen Dissertation, die im November 1999 vom Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg angenommen wurde. …
Stuttgart, im April 2001 Roland Gehrke
1.1. Gegenstand und Eingrenzung des Themas
Mit der auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam 1 945 international abgesegneten „Westverschiebung“ Polens bis an die Oder und die Lausitzer Neiße auf Kosten des besiegten Deutschland wurde dem polnischen Staat im Westen eine Grenzlinie zugesprochen, wie sie ungefähr so im 11. und 12. Jahrhundert schon einmal existiert hatte. Diese territoriale Neuordnung Ostmitteleuropas, die den polnischen Staat zugleich seine historischen Ostgebiete kostete, war zwar ein von den Polen nicht direkt beeinflußbares Ergebnis der Kriegs- und Nachkriegsdiplomatie, kam gleichwohl einer schon lange vor 1939 existenten politischen Strömung entgegen, in der sich eine feindselige Grundhaltung gegenüber dem deutschen Nachbarn mit Gebietsansprüchen im Westen verband und deren ideologisches Fundament bereits unter den Bedingungen der Teilung gelegt worden war. In der polnischen Nachkriegsforschung ist diese Tendenz als „Polnischer Westgedanke“ (polska mysl zachodnia) zum festen Begriff geworden. 1 Mit der Untersuchung der Genese dieser Strömung im 19. Jahrhundert und ihrer Wirkungsgeschichte bis zur Wiedergründung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges setzt die vorliegende Arbeit einen ideengeschichtlichen Schwerpunkt.
Den zeitlichen Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die dritte Teilung Polens im Jahre 1795, die den vollständigen Verlust der Staatlichkeit zur Folge hatte. Das polnische Volk war damit unter gleich dreifache Fremdherrschaft geraten. Unter diesen Bedingungen entwickelte sich innerhalb der polnischen Eliten eine vielfältige und kontroverse Diskussion über Wege zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit und über die anzustrebende territoriale Gestalt eines künftigen polnischen Staates. Dabei gerieten mit Oberschlesien und dem südlichen Ostpreußen schon früh auch Gebiete ins Blickfeld, die zum Zeitpunkt der Teilungen gar nicht Bestandteil des polnischen Staates gewesen, sondern diesem bereits im Mittelalter verlorengegangen waren oder nie unmittelbar angehört hatten, in denen sich zugleich aber eine polnischsprachige Bevölkerungsmehrheit erhalten hatte. Entsprechende Stellungnahmen blieben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allerdings sporadisch und vage und stellen so nur geistige Vorläufer des Westgedankens dar; es genügt daher, ihnen einen kompakten Überblick zu widmen. Die entscheidenden Zäsuren stellen erst das Scheitern des polnischen Januaraufstandes von 1863 dar, der eine grundlegende konzeptionelle Neuorientierung unter den Polen zur Folge hatte, dann die deutsche Reichseinigung von 1870/71 sowie schließlich die erstmalige Formulierung direkter Gebietsansprüche auf der Grundlage einer neuen nationalen Ideologie in den Jahren 1886/87. Eigentlicher Kern der Untersuchung sind damit die letzten drei Jahrzehnte vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sowie der Krieg selbst. Den Schlußpunkt der Betrachtung bildet die Kriegsniederlage der Mittelmächte sowie der dadurch ermöglichte Wiederaufbau eines völlig souveränen polnischen Staates 1918/19. Die bisher nur theoretisch formulierten polnischen Gebietsansprüche gegen Deutschland gerieten damit auf die politische Tagesordnung.
Mit der weitgehenden Beschränkung auf die Zeit der Staatslosigkeit wird deutlich, daß hier die geistigen Grundlagen des Westgedankens, seine ideologische Begründung und die verschiedenen in diesem Zusammenhang entwickelten Argumentationsmuster Gegenstände der Untersuchung sind, nicht hingegen Wege zur Verwirklichung der polnischen Ansprüche nach Kriegsende oder die organisatorische Basis des Westgedankens in der Zwischenkriegszeit (Stichwort „Westmarkenverein“).
Von den polnischen territorialen Ansprüchen nicht zu trennen ist die sie tragende nationale Ideologie. Erst ein sowohl auf ethnische als auch auf ökonomische und geopolitische Kriterien abstellender integraler Nationalismus 2 , wie er sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ähnlicher Form in vielen Ländern Europas herausbildete, lieferte das ideologische Fundament, auf dem sich das schon vorher verschiedentlich geäußerte Interesse an den „Westgebieten“ 3 in ein Territorialprogramm verwandelte, dessen Verwirklichung für die polnische Nation zur Existenzfrage schlechthin hochstilisiert wurde. Dieser neue polnische Nationalismus wurde parteipolitisch im wesentlichen von der Nationaldemokratie verkörpert, strahlte teilweise aber auch in andere politische Lager aus. Der Nationalismus als Ideologie, dem in der westlichen Forschung – insbesondere im englischen Sprachraum – eine mittlerweile kaum noch überschaubare Fülle an Literatur gewidmet worden ist, kann hier natürlich nicht in all seinen Facetten Untersuchungsgegenstand sein; vielmehr bildet er den Hintergrund für die Analyse aller wesentlichen Stellungnahmen polnischer Theoretiker, Publizisten und Parteipolitiker zur Frage der „Westgebiete“ und ihre ideengeschichtliche Einordnung.
Die polnischen Ansprüche auf Oberschlesien und Masuren korrespondierten mit seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts intensivierten Bemühungen, das dortige Polentum national „wiederzuerwecken“ und so in die Bestrebungen der Gesamtnation einzubeziehen. Die diesbezüglichen Aktivitäten, die sich in der Gründung polnischer Organisationen, Vereine und Presseorgane und schließlich in der Kandidatur nationalpolnisch orientierter Kandidaten bei Reichstags- und Abgeordnetenhauswahlen äußerten, fanden in der polnischen Publizistik ein reges Interesse und dienten besonders im Falle Oberschlesiens als argumentative Grundlage der formulierten Ansprüche. Insofern ist die Formulierung ideologischer Leitlinien bezüglich der „Westgebiete“ von taktischen politischen Erwägungen nicht immer klar zu trennen. Die politische Entwicklung in den „Westgebieten“ bis 1914 und die damit zusammenhängende Organisationsgeschichte sind also als Ereignishintergrund von Interesse und werden in der gebotenen Knappheit in die Darstellung einbezogen, sind andererseits aber nicht selbständiger Untersuchungsgegenstand.
Das gleiche gilt für die Behandlung der polnischen Frage während des Ersten Weltkrieges. Auf eine detaillierte Darstellung der auf der Pariser Friedenskonferenz geführten Verhandlungen über den künftigen deutsch-polnischen Grenzverlauf wird gleichfalls verzichtet, da dies den Umfang der Untersuchung sprengen würde und die entsprechende Problematik zudem in der deutschen und angelsächsischen Literatur bereits erschöpfend behandelt worden ist. Um der vorliegenden Arbeit gleichwohl nicht ihren thematischen Abschluß vorzuenthalten, werden die Ergebnisse der Friedenskonferenz und ihre Bewertung in Polen und in Deutschland in einem knappen Ausblick zusammengefaßt.
Abschließend sei noch angemerkt, daß für die folgende Analyse nicht nur die inhaltlichen Aussagen der ausgewerteten Quellen von Belang sind, sondern auch die besondere Sprache und Metaphorik, in der die polnischen Ansprüche artikuliert wurden, und die sich so oder ähnlich auch in der nationalistischen Publizistik aus anderen europäischen Ländern wiederfindet. Über die inhaltliche Paraphrase hinaus kommen die Protagonisten des Westgedankens daher verschiedentlich direkt zu Wort, wobei die vom übrigen Text abgesetzten Zitate zumeist vom Verfasser selbst ins Deutsche übersetzt wurden.
1.2. Fragestellung
Grundlage und Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist die Frage, vor welchem ideengeschichtlichen Hintergrund mit Ostpreußen und Teilen Schlesiens Gebiete in das Blickfeld polnischer Interessen gerieten und schließlich zum Gegenstand direkter Gebietsansprüche wurden, die nicht zum Programm einer Restitution des durch die Teilungen gewaltsam ausgelöschten polnischen Staates gehören konnten. Diesem Prozeß liegt ein grundlegender Wandel der polnischen Nationsidee zugrunde, in dessen Verlauf ein ursprünglich romantisch inspirierter und intellektuell abgehobener Befreiungsnationalismus schließlich in eine ethnisch motivierte und dem Prinzip des „nationalen Egoismus“ verpflichtete Integrationsideologie einmündete. Damit einher ging ein grundlegender Wandel des Gesellschaftsverständnisses, das nunmehr weg von der überkommenen Tradition der „Adelsnation“ und hin zu einer nationalen Integration auch des bisher abseits stehenden ländlichen Proletariats führte. 4 In dieser Entwicklung mischten sich spezifisch polnische Faktoren mit allgemeineuropäischen Zeitströmungen und Denkmustern. Die von polnischer Seite gegen Deutschland erhobenen Gebietsansprüche allein aus der polnischen historischen Entwicklung heraus als Reaktion auf die deutsche Polenpolitik zu deuten, wie dies in der polnischen Forschung mitunter getan wird, wäre also verfehlt. …


Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass der „Drang nach Westen” der Polen die politische Stimmung im Land bereits lange vor 1933 prägte.
Nach dem Ersten Weltkrieg gab es das NS-System noch nicht. Offensichtlich reichten die deutsche Demokratie und der Friedenswillen nicht aus, um den polnischen Expansionsgelüsten einen Riegel vorzuschieben.
Die Oder-Neiße-Linie zeugt von der aggressiven Haltung Polens gegenüber seinen Nachbarn im Osten, Südosten und Westen.
Gegenwärtig hetzt Polen gegen Russland und verschärft damit die politische Stimmung in Europa bis hin zur Kriegsgefahr.
Jeffry Sachs berichtet in seinem Gespräch mit Glenn Diesen darüber.
https://www.youtube.com/watch?v=IkcxEqC2cVk oder
https://t.me/schlesien_szlonsk/26659
O-Ton Sachs:
„In Polen, wird diese antirussische, russophobe Linie dagegen massiv vorangetrieben.“
In Polen geht es also weiter wie unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Derzeit stellt Polen keine weiteren Ansprüche auf deutsches Territorium. Nordostpreußen steht zwar auf der polnischen Wunschliste, was allerdings eine unmittelbare Herausforderung für die territoriale Integrität einer atomar bewaffneten Großmacht darstellt.
Zudem verlangt Polen von Deutschland Kriegsreparationen in Höhe von 1,3 Billionen Euro. Die Mitwirkung Polens am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sowie die grauenvolle Vertreibung der Ostdeutschen durch Polen werden dabei selbstverständlich nicht thematisiert.