Die polnische Preußenkrankheit

Die polnische „Preußenkrankheit“ und ihre politische Instrumentalisierung
Georg W. Strobel, 20.02.1998

Zusammenfassung

In den letzten Jahrhunderten war das deutsch-polnische Verhältnis immer wieder belastet, fast immer schwierig und in der jüngeren Vergangenheit von Grausamkeiten, Leiden und Schrecken geprägt, was jedoch allein den Deutschen angelastet wird, ohne den polnischen Beitrag dabei wahrnehmen zu wollen. Dieser wurde und wird von den schrecklichen Verbrechen der deutschen Besatzungspolitik während des Zweiten Weltkrieges überdeckt.

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Abgesehen davon, daß dadurch wiederum problematische politische Folgewirkungen entstehen, wird durch erfahrenes Unrecht verursachtes neues Unrecht weder zu Recht, noch kann es damit entschuldigt werden. Als Ausdruck des Zeitgeistes führt dies nur in Deutschland zu einer Selbstverleugnung, die -noch so gut gemeint -weder der historischen Wahrheit noch einer einsichts-und verständigungsbereiten Kenntnis voneinander dient. Aber noch mehr trifft dies zu auf die negativen Mythenbildungen der polnischen Publizistik zum deutsch-polnischen Verhältnis, das ein Jahrtausend lang nur eine gewalttätige Feind-beziehung gewesen sein soll. Daher sollte das Verhältnis Polens zu Deutschland und den Deutschen kritischer reflektiert werden -bei aller Aufgeschlossenheit und Zuneigung zu Polen sowie dem Wunsch nach Zusammenarbeit auf möglichst vielen Gebieten.

I. Herausbildung und Besonderheiten der polnischen „Preußen-krankheit“ bis 1918

Das gegenseitige Verhältnis wurde einerseits von der deutschen Geringschätzung und Minderachtung Polens und der Polen, andererseits von einem tiefverwurzelten polnischen Deutschensyndrom belastet, das Wladyslaw Studnicki 1907 zutreffend als eine für Polen verderbliche, von eigenen „politischen Scharlatanen“ aufgebrachte „Preußen-krankheit“ definierte Jerzy Giedroyc, wegen sei­ ner antikommunistischen Verlegertätigkeit im Pariser Exil eine nationale Institution, bemängelte 1993 in ähnlicher Weise, daß die dafür verantwortliche Tradition „in großem Maße aus Mythomanie und patriotischer Verlogenheit besteht“ Beides ist zu analysieren. Wenn die deutsche Geringschätzung vor allem in Vorstellungen von einer desolaten „polnischen Wirtschaft“ Ausdruck fand, dann ging das zu einem guten Teil auf das allgemeine materiell-kulturelle West-Ost-Gefälle in Europa zurück. Sie war daher keineswegs eine Unart allein der Deutschen, denn sie äußerte sich gleichermaßen bei Polen gegenüber Russen, Ukrainern und Weißrussen. …

Die Fortsetzung unter:
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II. Das wiedererstandene Polen und das Deutschensyndrom

III. Das Deutschensyndrom als kommunistische Herrschaftslegitimation

IV. Das Deutschensyndrom und das postkommunistische Polen