Der polnische „Westgedanke“ nach dem Zweiten Weltkrieg (1944-1950)
Magisterarbeit,
Brier, Robert (2002)
Abstract
Die vorliegende Arbeit behandelt die Geschichte des polnischen „Westgedankens“ in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.
Mit dem Begriff „Westgedanke“ (myśl zachodnia) wird jener von der Nationaldemokratie um Roman Dmowski entwickelte „historisch-programmatische Vorstellungskomplex“ bezeichnet, der die Inkorporation von Gebieten westlich der Grenze von 1772 als wesentliche Grundlage eines stabilen polnischen Staates ansah. Wie sich in der Untersuchung herausstellte, boten bereits im Februar 1945 Vertreter dieses „Westgedankens“ um den Rechtshistoriker Zygmunt Wojciechowski der von der kommunistischen Arbeiterpartei PPR dominierten Übergangsregierung eine weitreichende Zusammenarbeit an. Während die überwiegende Mehrheit der polnischen Gesellschaft den neuen Machthabern also feindlich gegenüberstand, kam es bereits relativ früh zur Kooperation zwischen Vertretern der nationalistischen Rechten und der Übergangsregierung.
Eine Erklärungsmöglichkeit für diese paradoxe Situation bot eine ideengeschichtliche Analyse des „Westgedankens“. Besonders Zygmunt Wojciechowski hatte in seinen Arbeiten die territoriale Gestalt Polens zur historischen Schicksalsfrage des Landes erhoben. Wesentliche Bedeutung maß er dem mittelalterlichen Staat der Piasten bei, den er als „polnische Mutterländer“ („polskie ziemie macierzyste“) bezeichnete. Polen sei in seiner Geschichte staatliche Stabilität dadurch verwehrt geblieben, dass es vom deutschen Expansionismus von diesem „natürlichen“ Gebiet verdrängt worden war. Gleichzeitig sei durch die „natürliche“ Zusammengehörigkeit der „polnischen Mutterländer“ dem deutschen Expansionismus das Tor für weitere Eroberungszüge geöffnet worden. Diese Sichtweise der deutsch-polnischen Geschichte wurde vor allem durch die Erfahrung eines deutschen Vernichtungskrieges verstärkt, den Wojciechowski als Kulminationspunkt dieser Entwicklung deutete. Die Westverschiebung der polnischen Grenze wurde somit als Möglichkeit gesehen, einen „natürlichen“ Zustand wiederherzustellen, der Polen Sicherheit und Stabilität garantierte. Auf diese Weise wurden die Ereignisse der Nachkriegszeit zur Erfüllung der Leitidee polnischer Geschichte. Im Kontext des beginnenden Kalten Kriegs wurde damit letztlich auch die kommunistische Umgestaltung des Landes zu einem gewissen Grade legitimiert.
https://epub.ub.uni-muenchen.de/546
Robert Brier
DER POLNISCHE „WESTGEDANKE” NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG (1944-1950)
Digitale Osteuropa-Bibliothek: Geschichte 3 (2003)
Erstellt am: 9.10.2002
Brier: Der polnische Westgedanke. Digitale Osteuropa-Bibliothek: Geschichte 3 (2003)
http://www.vifaost.de/digbib/brier-west
1.1 Fragestellung
Der Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist der „Westgedanke“ im Polen der Nachkriegszeit. Mit der Übersetzung des polnischen Begriffes „myśl zachodnia” als „Westgedanke“ wird jener „historisch-programmatische Vorstellungskomplex“ bezeichnet, der die Inkorporation von Gebieten westlich der polnischen Grenze von 1772 als wesentliche Grundlage eines stabilen, unabhängigen Polens ansah. Erstmals im 19. Jahrhundert in den Kreisen der nationaldemokratischen Bewegung formuliert, gewann der Westgedanke in der Diskussion um den Grenzverlauf des nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstandenen polnischen Staates an Aktualität. Nach den für deutsche und polnische nationalistische Kreise unbefriedigenden Grenzbestimmungen der Pariser Vorortverträge mündete diese Diskussion in einen wissenschaftlich-publizistischen Diskurs zwischen Forschern beider Länder, die teilweise verbissen um die Legitimität der existierenden Grenze und die Begründung weiterer Gebietsforderungen rangen. Erneute Aktualität erhielt die Forderung nach der Ausdehnung Polens nach Westen während des Zweiten Weltkrieges in den Debatten um die Neugestaltung des Landes im Untergrund. Seine Verwirklichung erfuhr der Westgedanke schließlich im hier behandelten Zeitraum durch die Verschiebung der polnischen Westgrenze an Oder und Neiße.
Insgesamt lassen sich somit drei Aspekte des polnischen Westgedankens analytisch unterscheiden: erstens ein politisches Westprogramm, das eine Verschiebung der polnischen Westgrenze als Imperativ eines wiedererstandenen polnischen Staates nach dem Ersten und auch nach dem Zweiten Weltkrieg postulierte; zweitens unter dem Begriff der Westforschung, ein wissenschaftlicher Diskurs, innerhalb dessen die Notwendigkeit und die Legitimität dieser Verschiebung begründet und verteidigt wurde, und schließlich drittens die Westarbeit, d.h. vor allem eine propagandistische Tätigkeit zur Popularisierung jenes politischen Programms. Diese Unterscheidung ist letztlich eine analytische, da diese drei Aspekte „territoriales Programm, wissenschaftlicher Anspruch und politisches Sendungsbewusstsein“ im Gesamtkomplex „Westgedanke“ aufeinander bezogen und ineinander verschränkt sind. Dass sich die folgende Untersuchung dabei auf den zweiten, wissenschaftlichen Aspekt bezieht, hat folgende Gründe.
Der Begriff „polnische Westforschung“ ist eine deutsche Wortschöpfung ohne polnische Entsprechung, der vor allem einen Zusammenhang zwischen polnischer West- und deutscher Ostforschung herstellt. Dieser Zusammenhang ist insoweit gerechtfertigt, als es sich bei diesen beiden Forschungsrichtungen gleichsam um zwei Pole handelt, zwischen denen sich ein Diskurs um die Legitimität bzw. Illegitimität von bestimmten Gebietsansprüchen entwickelte. Wichtiger als dieser wechselseitige Entstehungszusammenhang sind für die vorliegende Arbeit jedoch gewisse Parallelen der Rolle und Funktion von Ost- und Westforschung im Kontext der politischen Geschichte der beiden Länder. Wie die zuletzt intensivierte Analyse des Verhaltens und wissenschaftlichen Wirkens der deutschen Ostforscher in den Jahren 1933 bis 1945 gezeigt hat, sahen diese Wissenschaftler in der Politik des NS-Regimes die Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer territorialen und bevölkerungspolitischen Ordnungskonzepte. Dies hatte ein starkes wissenschaftliches Engagement der Ostforscher für die Belange nationalsozialistischer Politik bis hin zu Fragen rassisch fundamentierter Bevölkerungspolitik zur Folge.
Durch die Aufdeckung dieser Umstände trug die Untersuchung der Ostforschung nicht allein zur Selbstvergewisserung eines Faches bei. Gleichzeitig wurde auf diese Weise auch ein gewisser Beitrag zum besseren Verständnis der Fundamente des Nationalsozialismus geleistet, insofern als nun die Unterstützung nationalsozialistischer Herrschaft durch akademische Eliten in den Blick genommen wurde. Es scheint, dass auch die Untersuchung der Westforschung einen vergleichbaren Beitrag leisten kann. Denn auch auf polnischer Seite hat man es mit einer Forschungsrichtung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik zu tun, deren Ordnungsvorstellungen in der Folge eines politischen Systemwechsels umfassend verwirklicht wurden. Aus diesem Grund wird in der folgenden Untersuchung, die von Jan M. Piskorski bereits 1996 in einem Aufsatz gestellte Frage zu Grunde gelegt, ob es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer „Art von Selbstinstrumentalisierung“ der polnischen Westforschung für die Politik des neuen Regimes kam. Die folgenden Untersuchungen stellen also auch den Versuch dar, einen Beitrag zu einer breitgefächerten Untersuchung der kommunistischen Revolution in Polen zu leisten. Dieses Vorhaben soll auf zwei Ebenen verwirklicht werden. Erstens wird das Thema auf einer institutionengeschichtlichen Ebene untersucht. Hierbei soll die zentrale Einrichtung der polnischen Westforschung, das Posener Westinstitut, im Mittelpunkt stehen. Gründungsphase, Zielsetzungen, innere Strukturen, Tätigkeit, die wichtigsten Personen und die Stellung im Wissenschaftssystem sollen ebenso behandelt werden wie die Frage nach dem Verhältnis zu staatlichen Stellen. Daneben wird auch die Frage nach dem Engagement von Westforschern in staatlichen Strukturen selbst behandelt. Zweitens soll der Westgedanke im Folgenden auf der Ebene des wissenschaftlichen Werkes der Westforschung in der Nachkriegszeit untersucht werden. Otto Gerhard Oexle hatte in der Diskussion um die Geschichts- und Geisteswissenschaft im „Dritten Reich“ darauf hingewiesen, dass der Versuch einer Erklärung des Verhaltens der Wissenschaftler sich nicht durch den Verweis auf fehlgeleiteten Idealismus, Karrierismus oder ideologische Zustimmung erschöpfen sollte. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, inwieweit der Nationalsozialismus bestimmte tieferliegende, ältere „Dispositionen“ der betreffenden Personen bediente.
Es komme darauf an zu zeigen, „in welchem Maße der Nationalsozialismus eine weitgehend ,leere‘ Projektionsfläche bot, auf der man all das erlebbar, ja verwirklicht sehen mochte, was man schon lange gedacht und geahnt und – in hochgradig affektiven Besetzungen – ersehnt und erwünscht hatte.“9 In diesem Sinne ist es ein zweites Ziel dieser Untersuchung, den Westgedanken als kulturelles oder ideologisches Konstrukt zu analysieren. Erkenntnisleitend ist hier die Fragestellung, ob aus der Perspektive eines national-konservativen Deutungsmusters, wenn nicht der kommunistischen Umgestaltung des Landes, so doch dem Gesamtkomplex der Ereignisse der Nachkriegsjahre Sinn gegeben und diese somit zu einem gewissen Grade legitimiert wurden. …
https://epub.ub.uni-muenchen.de/546/1/brier-westgedanke.pdf

