Neisse – älter als Krakau, ein Juwel Europas

Start Foren Mitteleuropa Oberschlesien Neisse – älter als Krakau, ein Juwel Europas

Ansicht von 3 Antwort-Threads
  • Autor
    Beiträge
    • #3430
      bhn
      Administrator

      Neisse – älter als Krakau, ein Juwel Europas, aber eine Herausforderung für den Wiederaufbau Warschaus.

      Es folgt das gekürzte Transkript der polnischen Reportage aus der Reihe „TVP Historia“ in deutscher Fassung:

      (0:00) Die sowjetischen Truppen verließen Nysa Mitte Dezember 1945. Zurück blieben nur lose Gruppen von Marodeuren und zerstörte Häuser.
      Im Staatsarchiv in Oppeln liegt eine Akte mit dem ersten Lagebericht aus dem Kreis Neisse nach der Übernahme der Macht durch die polnische Verwaltung von der Militärregierung. Im April 1951 tauchte ein Bevollmächtigter der „Aktion Abbrucharbeiten“ aus Warschau in der Stadt auf. Dieser Bevollmächtigte schlug den damaligen Stadtbehörden vor, … – um es so zu sagen – einen hervorragenden Deal.

      (1:00) Die Vereinbarung war klar und einfach. Der Bevollmächtigte bezahlte für jeden Ziegelstein aus Nysa. Die Stadt hatte sich ursprünglich verpflichtet, über zweieinhalb Millionen Stück gotischer Ziegelsteine aus den abgebauten Mauern („porozbiorówki“) zu liefern. Der Alltag in Nysa war geprägt von Ziegelquoten und dem Slogan „Die ganze Nation baut Warschau wieder auf“. Nysa wurde sehr brutal behandelt. Vielleicht war es eine Art, das Kriegstrauma zu verarbeiten, und Nysa wurde wie eine Kriegsbeute behandelt.
      Die Beschaffung von Ziegeln war nicht schwierig, da bekanntlich bis ins 19. Jahrhundert im Bauwesen kein Zement, sondern nur Kalkmörtel verwendet wurde; daher ermöglichten es die abgerissenen und beschädigten Mauern, ganze Ziegel zu beschaffen, die gestapelt und in Lieferungen zum Wiederaufbau Warschaus verschickt wurden.

      (2:03) Die in Nysa tätigen Abbruchfirmen machten sich an Variante Nummer 2 – den Abriss intakter Gebäude. Die historischen Fassaden stürzten damals wie Kartenhäuser ein. Man sprach von „dem Wind“, und der Wind leistete ganze Arbeit.
      Die Auszahlung der Prämien war an die Überschreitung des von Warschau vorgegebenen Plans geknüpft, weshalb alle Arbeiter daran interessiert waren, so viele Ziegelsteine wie möglich freizulegen. … Man ging sogar so weit, dass man gerade jenen Häusern, die schöne Barock- oder Renaissancegiebeln hatten, die Stützen auf der Innenseite entfernte, um den Eindruck zu erwecken, dass nichts passieren könne und dass man sie nicht zerstöre, und wenn dann ein stärkerer „Wind“ kam, „warf“ er sie einfach um. Und dann begann der Abriss. …

      (4:46) Das Ergebnis war bedrückend. Nachdem die Trümmer abtransportiert und das Gelände mit Planierraupen eingeebnet worden war, blieb von der historischen Innenstadt ein riesiger, mit Gras bewachsener Platz zurück. Mit der Bebauung dieses Platzes wurde erst Anfang der 1960er Jahre begonnen.
      In der Folge wurde Nysa durch das Streben nach gotischen Ziegeln zu einem Sonderfall. Eine der wertvollsten Städte dieses Teils Europas wurde zerstört. 114 Neisser Mietshäuser verwandelten sich in die Altstadt von Warschau und Danzig, in Nowa Huta und (Warschauer) MDM.

      (5:04) Den damaligen Machthabern lagen Denkmäler völlig fern. Das lässt sich vermuten. Ihnen ging es darum, neuen Raum für neue Menschen zu schaffen. (5:25) Das Nysa von vor 1945 gibt es nicht mehr. Von der ursprünglichen Substanz ist nur noch der Ausdruck „Schlesisches Rom“ übrig geblieben. …
      „TVP Historia“

    • #3431
      bhn
      Administrator

      Die beiden Kommentare polnischer Nutzer zur Reportage wurden auf YouTube gepostet.
      1:
      „Ein einziges Durcheinander. Aus welchem Material wurden die Häuser in Nysa dann wieder aufgebaut? Und was geschah mit den Ziegeltrümmern im zerstörten Warschau? Wurden sie vielleicht nach Nysa transportiert, um dort Häuser wieder aufzubauen? Meiner Meinung nach ist das eine durch nichts belegte, unsinnige Legende.“

      2:
      Ein Mix aus Fakten und Mythen. Der Plan wurde nicht aus Warschau, sondern von den in der Hauptstadt ansässigen PRL-Behörden aufgestellt. Ziegel, darunter gotische, wurden überallhin geliefert, aber nicht nach Warschau. …
      Die Wahrheit ist, dass drei Gruppen an dem Abtransport von Baumaterialien aus den „wiedergewonnenen Gebieten” verdienten: die kommunistischen Behörden, die Behörden dieser Städte sowie die Einwohner und Einwanderer, die sich mit illegalen Abrissen (in der Hoffnung auf einen leichten Gewinn) befassten. …
      Es ist an der Zeit, diese Märchen über eine aus Ziegeln aus Schlesien erbaute Warschau zu beenden. Diese Ziegel dieser Art sollte man in den im Rahmen des Sechsjahresplans errichteten Bauwerken im ganzen Land suchen, aber nicht in der Hauptstadt.

    • #3432
      bhn
      Administrator

      Vor etwa 30 Jahren habe ich Neisse einen kurzen Besuch erstattet. Ich war neugierig, wie viel von der Pracht der ehemals zauberhaften schlesischen Stadt noch erhalten geblieben ist. Der Zustand der Altstadt hat mich sehr schockiert. Besonders der Anblick des großen, leeren Platzes im Zentrum der Stadt an der Stelle, an der bis 1945 die von den Schlesiern mühsam errichtete Altstadt stand, hat mich erschüttert. Ja, der schöne Brunnen, ein Werk hervorragender Schmiedekunst, hat meine Aufmerksamkeit erregt. Ansonsten bot sich mir ein Bild des Schreckens: leere Räume, einige quer befahrene Straßen und nur sehr wenige Zeugen alter Baukunst. Eigentlich ließ nichts erahnen, dass die Neiße einst ein städtisches Kunstwerk war.

      Meine Tante hat als Kind wiederholt und gerne von ihrer Reise nach Neisse und Dresden berichtet. Noch während des Krieges war sie mit der Schulklasse in den beiden wunderschönen Städten auf Erkundungsreise gewesen, die sie ihr ganzes Leben lang immer wieder bewundert hatte.
      Die Realität, die ich in Neiße vorfand, war trist. Diese Thematik wird in einer Reportage des polnischen Fernsehens TVP mit dem Titel „Neisse – älter als Krakau, ein Juwel Europas, aber eine Herausforderung für den Wiederaufbau Warschaus“ behandelt. Die Sendung ist unter der Adresse https://www.youtube.com/watch?v=vWcYy4PM0yc abrufbar.

      Der Fernsehbericht enthält viele interessante Aspekte der Nachkriegsgeschichte Schlesiens, auch wenn darin nur Neisse nach 1945 thematisiert wird. Es ist keine harte Abrechnung mit den politischen Maßnahmen, die seit Frühjahr 1945 umgesetzt wurden, sondern eine behutsame Offenlegung der Nachkriegsrealität, die sonst sorgfältig vor neugierigen Blicken verborgen wird. In der Reportage wird keine Anklage gegen die von Polen ergriffenen Maßnahmen erhoben, die die Eingliederung der schlesischen Kriegsbeute zum Ziel hatten. Der Umgang der Polen mit den architektonischen Denkmälern Schlesiens wird hingegen vorsichtig kritisch beleuchtet.

      Krieg und die Verteidigung der Stadt gegen die vorrückende Rote Armee haben unfassbar große Schäden angerichtet. Trotzdem wäre es möglich gewesen, einen Großteil der ursprünglichen Bausubstanz und somit der ehemaligen Pracht zu erhalten – wenn die Polen es nur gewollt hätten. Da sie in Neisse keine altpolnischen Bezugspunkte fanden, gaben sie die Altstadt ohne zu zögern zum Abriss frei. In der Reportage wurde zwar der slawische Ursprung des Stadtnamens erwähnt, mehr aber auch nicht. Neisse stand sogar in Konkurrenz zu Krakau. Altslawisch bedeutet jedoch nicht automatisch polnisch. Auch die Stadt Breslau trug früher den altslawischen, böhmischen Namen „Wratislawia”.

      Nicht nur Neisse war vom Kulturvandalismus der Polen betroffen. Unzählige schlesische Bauwerke wurden nach dem Krieg von Polen gezielt dem Verfall preisgegeben, dem Brand überlassen und wie Neisse ausgeschlachtet, um an die Bausubstanz zu gelangen. Zu den Opfern zählen die oberschlesischen Schlösser von Donnersmarkt, Godula und Groß-Rauden nahe Ratibor und unzählige weitere. In Niederschlesien waren es Tausende Herrenhäuser, Schlösser und sonstige wertvolle Baudenkmäler. Die meisten von ihnen sind erst Jahre nach dem Krieg gezielt ausgeplündert und vernichtet worden. Insgesamt ein Kulturvandalismus von ungeahntem Ausmaß.
      Einige gute Aussagen zu diesem Thema von Prof. Tomaszewski wurden schon vor Jahren im Text „Schicksal schlesischer Kulturdenkmale nach 1945” unter https://silesiaweb.net/schicksal-schlesischer-kulturdenkmale-nach-1945/ vorgestellt.

    • #3433
      bhn
      Administrator

      Die Reportage beginnt mit dem Hinweis auf den Abmarsch der Roten Armee aus der Stadt im Dezember 1945, als „lose Gruppen von Marodeuren” noch aktiv gewesen sein sollen. Wie es der Bevölkerung von Neisse nach der Eroberung der Stadt und der Übernahme der Verwaltung durch Polen erging, wird jedoch nicht thematisiert. Dies ist eine spitzbübische Unterschlagung von Fakten, die Polen ständig vollumfänglich ausblendet. Die Polen reden nie über die grauenvolle Behandlung der schlesischen Bevölkerung und leider initiiert auch kein deutscher Historiker oder Politiker eine Debatte darüber. Die Polen wissen das und überspringen regelmäßig alles, was sie belastet. Das nächste in der Reportage erwähnte Datum ist der April 1951.

      Anfang der 1950er Jahre begann auf Anweisung des Bevollmächtigten der Zentralverwaltung in Warschau der Abbau der noch erhaltenen Bausubstanz in Neisse, darunter auch der noch intakten, historisch und architektonisch äußerst wertvollen Häuser. Die Materialien sollten bei anderen Bauprojekten der Zeit wiederverwendet werden. Der „Wiederaufbau Warschaus” war damals als „nationale Aufgabe” ausgerufen worden. Sogar jedes Kind war nach der Einschulung dazu verpflichtet, monatlich einen Zloty an die Wiederaufbaukasse zu „spenden“. Zu diesem Zweck wurden alle denkbaren Materialquellen genutzt, ohne Rücksicht auf den Wert der zerstörten Objekte. Die planmäßige Vernichtung der historischen schlesischen Bausubstanz war ein eindeutiger Beweis für den „Kulturvandalismus”, den der polnische Professor Tomaszewski den Polen zuvor in seinem Beitrag vorgeworfen hatte.

      Ähnlich wie die Hunnen hat Polen in der Nachkriegszeit zahlreiche, fast alle schlesische Kulturdenkmäler und Hinterlassenschaften der großen, deutsch geprägten Baukunst gezielt zerstören lassen. In einer Sendung wurde die Behauptung aufgestellt, dass den Vandalen, einem germanischen Volk, zu Unrecht der „Vandalismus” vorgeworfen wird. Dann nehmen wir eben das Vorgehen der „Hunnen”, eines Reitervolks aus dem Reich Dschingis Khans, zum Vergleich.
      Heute wollen die Polen selbstverständlich nichts davon hören. Die beiden nachfolgend zitierten polnischen Kommentare deuten die Stimmung gut an.

      Ein besonderes Thema wäre die Schilderung der Maßnahmen zur Vertreibung der Schlesier nach 1945 sowie die dabei an den Tag gelegte brutale, inhumane und verbrecherische Vorgehensweise der Polen. Die Nachfahren der Bevölkerung, auf die sich die Polen ständig beziehen – die Ur-Slawen, aber „Urpolen“ im polnischen Verständnis und die Erbauer Schlesiens – wurden wie Müll entsorgt: Sie wurden mit polizeilichen und militärischen Mitteln aus ihrer Heimat verjagt. In der Reportage spricht ein Pole über das „Kriegstrauma“ der Polen. Dabei handelte es sich allerdings nicht um ein Trauma, sondern um die lange geplante und konsequent verfolgte Absicht einer chauvinistischen Expansionspolitik, die keinerlei Rücksicht auf Recht, Moral und die Lehren des Christentums nahm. Und das alles Jahre nach dem Ende des Krieges, also in sogenannten „Friedenszeiten“.

      Zum Vergleich siehe:
      https://silesiaweb.net/der-polnische-westgedanke-und-seine-folgen/ sowie viele weitere Beiträge unter dieser Adresse.

Ansicht von 3 Antwort-Threads
  • Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.