Schlesiens Industrie – 1914-1945
Ein Gang durch die Geschichte – Die industrielle Entwicklung Schlesiens
1. Weltkrieg – Zwischenkriegszeit – 2. Weltkrieg (1914-1945)
Konrad Fuchs
Ein Heft ohne weitere Spazifikation (vermutlich eine Sonderausgabe der Schlesischen Landsmannschaft)
Inhalt – Seite
Vorwort – 3
1. Die Anfänge – 5
II. Die Habsburgerzeit (1526-1740) – 8
III. Die preußisch-merkantilistische Epoche Schlesiens (1740-1806/15) – 14
IV. Die industrielle Entwicklung Schlesiens im Zeitalter des Liberalismus (1815-1914) – 17
V. 1. Weltkrieg – Zwischenkriegszeit – 2. Weltkrieg (1914-1945) – 22
VI. Ausblick – 27
Quellen und Literatur – 32
V.
1. Weltkrieg – Zwischenkriegszeit – 2. Weltkrieg (1914-1945)
Eine jähe Unterbrechung der industriellen Entwicklung Schlesiens brachte der Ausbruch des 1. Weltkriegs am 1. August 1914. Vom ersten Kriegstag an traf er Schlesien, zumal seinen oberschlesischen Teil, denn von August bis November 1914 war Oberschlesien unmittelbar bedroht. Daher sahen sich einige Gruben des Reviers sogar gezwungen, ihre Förderung vorübergehend einzustellen.Erst nachdem die russische Invasionsgefahr durch eine deutsche Gegenoffensive im November 1914 hatte beseitigt werden können, ergaben sich für Oberschlesien wieder günstigere Verhältnisse. Doch nicht nur aus der gegnerischen Bedrohung erwuchsen Nachteile für die Produktion, sondern ebenfalls aus der abrupten Verringerung der Belegschaften durch Einberufungen. Trotz aller Bemühungen, die Produktion auf Vorkriegsniveau zu halten, sie womöglich noch zu steigern, gelang dies nicht; vielmehr bildete sie sich zurück, so bei der Steinkohlenförderung um nicht weniger als 20 Prozent, worüber auch Produktionsumschichtungen und die damit verbundenen Produktionssteigerungen nicht hinwegtäuschen können (91).
Alles in allem war die Situation der schlesischen Industrie seit Kriegsausbruch der im übrigen Reichsgebiet adäquat. Das bedeutete, daß zu keiner Zeit zwischen 1914 und 1918 den kriegs- und zivilbedingten Ansprüchen entsprochen werden konnte. Als infolge der Überbeanspruchung der Eisenbahn, dem Hauptverkehrsträger, das Transportwesen 1916/17 zusammenbrach, konnte die Industrie nicht mehr ausreichend mit Kohle versorgt werden. Die Folge war, daβ die Kohle zwangsbewirtschaftet wurde, woraus weitere Produktionseinschränkungen resultierten (92).
Die Auswirkungen des Versailler Friedensvertrags, der am 28. Juni 1919 unterzeichnet wurde und der am 10. Januar 1920 in Kraft trat, führten zu einem schwerwiegenden Niedergang der Industrie Schlesiens vor allem infolge der am 20. Oktober 1921 verfügten Abtretung Ost-Oberschlesiens mit wichtigen Bodenschätzen und bedeutenden Industrieanlagen an Polen. Die Gebietsabtretungen erfolgten, obwohl in einer Abstimmung am 20. März 1921 60 % der Stimmberechtigten für einen Verbleib bei Deutschland und nur 40 % für einen Anschluß an Polen votiert hatten (93). Eine neue Grenze durchschnitt nun einen bisher einheitlichen Wirtschaftsraum. Sie trennte Hochöfen von ihren weiterverarbeitenden Betrieben und umgekehrt, von 67 Steinkohlengruben fielen 53 an Polen, nur ein Drittel der Hochöfen blieb bei Deutschland. Der überwiegende Teil der Zinkerzgruben, sämtliche Zinkhütten und die gesamte kohlechemische Industrie gingen verloren. Elf der 22 großen Montanunternehmen wurden zerrissen. Die bei Deutschland verbliebenen Firmen waren stark beeinträchtigt deshalb, weil ihnen entweder die bisherige Rohstoffbasis oder aber die Verarbeitungsanlagen fehlten. Um die Folgen der Zerreißung Oberschlesiens erträglich zu gestalten, wurde für eine Übergangszeit von drei Jahren die zollfreie Einfuhr ostoberschlesischer Eisenerzeugnisse vereinbart (94). Außerdem enthielt das Abkommen für Deutschland die Verpflichtung, 500000 t ostoberschlesischer Steinkohle monatlich abzunehmen. Die gemeinsame Verwaltung des oberschlesischen Eisenbahnnetzes über eine Zeitraum von 15 Jahren hinweg, zudem Bestimmungen über die Wasser- und Elektrizitätsversorgung verfolgten ebenfalls die Absicht, die Konsequenzen der Teilung Oberschlesiens sowohl für die deutsche als auch die polnische Seite zu mildern (95).
Es stellt eine bemerkenswerte Leistung der schlesischen Wirtschaft dar, daß es ihr im Zusammenwirken mit der Administration gelang, die dominierende Stellung zurückzugewinnen, die sie nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in Teilen Osteuropas im Verlauf des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. hatte erringen und behaupten können. Wie dominant sich ihre Position darstellte, geht daraus hervor, daß vom gesamten industriellen Produktionswert Ostdeutschlands 64 % auf Schlesien, 16 % auf Ostpreußen, 14 % auf Ostpommern und die restlichen 6 % auf Ostbrandenburg entfielen (96). Erreicht worden war dies durch ein Bündel von Maßnahmen, zu deren wichtigsten die Konzentration innerhalb der schlesischen Industrie gehörte (97).
Nicht allein die schlesische, sondern die gesamtdeutsche Industrie war nach 1918 durch Konzentrationsbewegungen gekennzeichnet (98). Dazu zwangen nicht nur die Gebietsverluste an der Ost- und Westgrenze des Reiches, die sowohl im Falle Ostoberschlesiens als auch Elsaß-Lothringens erhebliche industrielle Potentiale umfaßten, sondern auch die Auswirkungen der Inflation.
Die Währungsreform im November 1923, gepaart mit den Konzentrationsbewegungen, führten seit 1924 zu einem unerwartet raschen wirtschaftlichen Aufschwung. In Westoberschlesien konnte infolge von Strukturmaßnahmen und des Neubaus von Förderanlagen die Kohleförderung von 7,8 Mill. t im Jahre 1920 auf 14,2 Mill. t im Jahre 1924 gesteigert werden. Der Anstieg beeindruckt um so mehr, als im Jahre 1914 im westoberschlesischen Teil des Reviers lediglich 9,3 Mill.t Kohle gefördert worden waren (99). In den Jahren bis 1929 war die Produktionssteigerung ebenfalls beträchtlich, denn gefördert wurden:
1926=17500000t
1927=19400000t
1928=19700000t
1929=22000000t (100)
Einen massiven Produktionseinbruch verursachten die Auswirkungen der Weltwirtschaftskreise, denn bis zum Jahre 1930 bildete sich die Förderung auf 18 000000 t zurück, um 1931 auf 16 800000 t und 1932 auf 15 300000 t abzusinken. Nach Überwindung der weltweiten Rezession zog sie allmählich wieder an; im Jahre 1933 erreichte sie 15 600 000 t (101). Im Waldenburg-Neuroder Revier konnte seit 1924 ebenfalls ein Anstieg der Kohleförderung erreicht werden, und zwar von 4,7 Mill. t im Jahre 1914 auf 5,7 Mill. t im Jahre 1930 (102).
Ahnlich wie beim Steinkohlenbergbau war die Entwicklung in den übrigen Produktionssparten während der Aufschwungsphase von 1924 bis 1929. so wurden in Westoberschlesien an Roheisen 1924 262264 t erzeugt, 1927 311 037 t (103). Bei Galmei und Zinkblende stieg die Produktion geradezu sprunghaft an. Nachdem sie 1927 bei 6 170 t gelegen hatte, konnte sie 1928 auf 14718 t gesteigert werden. Noch steiler war der Anstieg bei der Bleierzproduktion. Hier waren 1925 6639 t gefördert worden, 1927 16047 t
Und 1928 17677 t. Demgegenüber hatte sie sich in Ostoberschlesien von 19561 t 1925 auf 15628 t 1927 und 13377 t 1928 zurückgebildet (104).
Der Anstieg der Produktion in Westoberschlesien beeindruckt zumal dann, wenn man ihn mit den Zahlen der Zeit vor 1914 bzw. den damals weit günstigeren Bedingungen vergleicht. In Oberschlesien war ein Revier entstanden, das nicht nur eine in sich geschlossene Wirtschaftseinheit mit der entsprechenden Infrastruktur bildete, sondern auch Dynamik besaß. Dennoch, die z.B. 1913 in Gesamtoberschlesien geförderten 43 800000 t waren auf 67 Gruben erfolgt (105), die des Jahres 1929 durch weit weniger, denn nach der Teilung des Reviers waren nur 14 bei Deutschland verblieben (106).
Trotz aller Schwierigkeiten infolge der Teilung, des Verlusts des Hinterlandes Posen und Westpreußen hatte die wirtschaftliche Lage Westoberschlesiens durch Neuorganisationsmaßnahmen in erheblichem Umfang, Neuanlagen und Einführung moderner Produktionsverfahren, wozu die Administration beträchtliche finanzielle Mittel bereitgestellt hatte, bemerkenswerte Fortschritte machen können. Die Weltwirtschaftskrise allerdings brachte ungeahnte Einbrüche. Die Wucht, mit der sie Westoberschlesien traf, zeigt sich, wie erwähnt, im Rückgang der Steinkohlenförderung von 22 000000 t 1929 auf 18 000000t 1930, 16 800000t 1931 und 15 300000t 1932 (107). Das ganze Dilemma von Teilung und Weltwirtschaftskrise dokumentiert der Vergleich des Wertes der Jahresproduktion der oberschlesischen Montanindustrie im Gesamtrevier 1913 mit dem im Teilrevier 1931:
| Industriezweige | Gesamtoberschlesien 1913 (in Mark) | Westoberschlesien 1931 (in Mark) |
| Steinkohlengruben | 393 700000 | 177 800000 |
| Zink- und Bleierzgruben | 36 400000 | 6 400000 |
| Eisenerzgruben | 700000 | – |
| Koksanstalten | 47 200 000 | 22 300000 |
| Brikettfabriken | 5 100000 | 3 910000 |
| Hochöfen | 70 100000 | 4 900000 |
| Eisen- und Stahlgießereien | 16 100000 | 5 400000 |
| Stahl- und Walzwerke | 156 400000 | 25 900000 |
| Verfeinerungsbetriebe | 94 200000 | 32 800000 |
| Zinkhütten | 75 800000 | – |
| Zinkblechwalzwerke | 23 000000 | 2 200000 |
| Blei- und Silberhütten | 16 400000 | – |
| Zinkblendrösthütten | 3 700000 | – |
| (108) |
Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Industrie Schlesiens waren in allen Bereichen denen Westoberschlesiens ähnlich. Am schlimmsten war, daß die Demokratie zerbrach und die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernehmen konnten. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als die Krise ihren Höhepunkt überschritten hatte. Trotz der nun national und international günstiger werdenden Lage verzeichnete die schlesische Industrie nicht den Aufwartstrend, den man hatte erwarten sollen. So blieb die Steinkohleförderung von 1933 bis 1935 nahezu konstant, denn wahrend im Januar 1933 1349849 t gefördert wurden, waren es im Januar 1935 1673940 t (109) Annlich entwickelte sich die Bleierzproduktion. Sie lag im Januar 1933 bei 1 389 t und im Januar 1935 bei 2224 t, fiel fann aber bis zum Juni 1935 auf 1545 t (110). Günstiger gestaltete sich demgegenüber die Rohstahlproduktion denn sie konnte von 12 553 t im Januar 1933 auf 32 443 t im Januar 1935 gesteigert werden. Bei Fertigerzeugnissen der Eisenindustrie erhohten sich die Produktionszahlen von 11 249 i im Januar 1933 auf 23059 t im Januar 1935 (111). Die Nationalsozialisten wiesen in ihrer Propaganda zwar ständig auf den Aufschwung der Wirtschaft seit der Machtübernahme durch sie am 30. Januar 1933 hin, ohne allerdings zu sagen, daß die insgesamt bescheidenen Erfolge nur dann als solche zu bezeichnen sind, wenn man sie mit den Ziffern zur Zeit des Höhepunkts der Weltwirtschaftskrise vergleicht. Davon einmal abgesehen, hat man die in den rd. sechs Friedensjahren der nationalsozialistischen Herrschaft zu registrierende wirtschaftliche Entwicklung im wesentlichen als eine Fortsetzung der bereits vor 1933 eingeleiteten Maßnahmen zu sehen. Deshalb sind sie auch kaum als Ergebnis nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik zu betrachten. Die Art ihrer Gestaltung, die den Streik ausschloß und die Löhne einfror, trägt hingegen typische nationalsozialistische Züge.
Der Kriegsausbruch am 1. September 1939 brachte, zunächst für die Industrie Oberschlesiens, Änderungen grundsätzlicher Art. Am 11. September 1939 nämlich übertrug die sog. Haupttreuhandstelle Ost den Reichswerken ,Hermann Göring“ die treuhänderische Verwaltung des weitgehend unbeschädigt in deutsche Hand gelangten ostoberschlesischen Bergwerks- und Felderbesitzes des polnischen Staates, nachdem bereits am 6. Oktober 1939 die Woiwodschaft Schlesien und Teile der Woiwodschaften Krakau sowie Kielce als neuer Regierungsbezirk der Provinz Schlesien zugewiesen worden waren (112).
Zu einer Produktionskonzentration kam es in Schlesien im zivilen und militärischen Bereich insbesondere als Folge der Entwicklung des Luftkriegs über dem Reichsgebiet zumal seit der Mitte des Jahres 1943. Denn da die langen An- und Abflüge der alliierten Bomberflotten infolge der deutschen Tag- und Nachtjagd sowie der Bodenabwehr beträchtliche Risiken in sich bargen, blieb Schlesiens Lage nach wie vor günstig.,,Zumal Oberschlesien, wo durch den Anschiuß der Woiwodschaft Schlesien sowie angrenzenden altpolnischen Gebiets ein Revier in einer Großenordnung von 10586 qkm mit einer Bevölkerung von 2 674 663 im Jahre 1941 entstanden war- es umfaßte außerdem alten preußischen Bezirk der Zeit vor der Abtretung Ost-Oberschlesiens Ost-Oberschlesien, das Dombrowa-Revier sowie weitere Industriekomplexe südwestlich von Tschenstochau sowie westlich von Krakau -, gewann seit 1943 zunehmend an Bedeutung. Hier wurden zahlreiche während der Weltwirtschaftskrise stillgelegte Produktionsanlagen wieder in Betrieb genommen, außerdem neue errichtet“ (113). AuBerdem kam es zwischen 1943 und November 1944 aus Gründen des Luftschutzes in erheblichem Umfang zu Betriebsverlagerungen nach Schlesien. Die dadurch in Anspruch genom mene Fabrikfläche betrug in Niederschlesien 1 324 947 und in Oberschlesien 252649 Quadratmeter (114).
Die günstige Lage Schlesiens im Luftkrieg über dem Reich änderte sich, als die Amerikaner am 12. Mai 1944 ihre Luftoffensive gegen die deutsche Treib stoffindustrie eröffneten, denn zu ihren Angriffszielen gehörten auch die um Blechhammer, Odertal und Heydebreck gelegenen Hydrier- und Synthese werke mit einer Monatsproduktion von 50 000 t Treibstoff. Am 7. Juli 1944 wurden sie zum erstenmal erfolgreich angegriffen (115). In den folgenden Wochen und Monaten flogen die Amerikaner weitere schwere Angriffe auf die oberschlesischen Hydrier- und Synthesewerke. Der Nimbus Schlesiens, ,Luftschutzkeller“ des Reiches zu sein, war seitdem zerstört. Da außer den Treibstoffwerken sonstige Ziele in Schlesien nicht angegriffen wurden, wurde die dortige Industrie in der Endphase des Krieges zur wichtigsten des Reiches, denn die übrigen Produktionsanlagen, zumal die im Rhein-Ruhrgebiet, waren inzwischen fast pausenlosen Luftbombardements ausgesetzt. Für die Kohleversorgung des Reiches besaß spätestens seit der 2. Hälfte des Jahres 1944 Oberschlesien eine Schlüsselposition. Nicht weniger als 160 000 t Kohle gelangten täglich aus dem Revier zum Versand (116)
Davon gingen 60 000 t über die Magistrale, die Bahnstrecke von Kattowitz nach Gdingen, ab. Abgezweigt wurden von ihr sämtliche Kohlezüge zur Versorgung der Ostseehäfen und – teilweise über den Kaiser-Wilhelm-Kanal – Hamburgs mit Industriekohle, Kohle für den Hausbrand und Bunkerkohle für die Seeschiffahrt. Außerdem wurden von der Magistrale die zur Versorgung des gesamten nordostdeutschen Raumes erforderlichen Kohlezüge abgezweigt (117). Die im Waldenburg-Neuroder Revier geforderten 4, Mil.t Steinkohle im Jahre 1944 dienten vor allem der Versorgung Niederschlesiens und Sachsens mit Industrie- und Hausbrandkohle, abgesehen davon, daß die oberschlesische und waldenburg-neuroder Industrie bedeutende Abnehmer der einheimischen Kohle zur Versorgung ihrer Produktionsanlagen waren.
Die Sicherung der Ostfront hätte daher das vorrangige Ziel der militärischen Führung sein müssen. Nichtsdestotrotz griff Hitler am 16. Dezember 1944 mit der 6. SS-Panzerdivision, der 5. Panzerarmee und weiteren 12 Infanteriedivisionen im Westen bzw. in den Ardennen an, um aus der „ewigen Defensive“ herauszukommen. Doch erwies sich die Offensive nicht nur als ein Fehlschlag (118), sondern schwächte auch die Ostfront derart, das die deutschen Verteidiger keine Chance hatten, erfolgreichen Widerstand zu leisten, als die Sowjets am 12. Januar 1945 aus ihren Weichselbrückenköpfen von Baranow, Pulawy und Magnuszew heraus zu einer GroBoffensive antraten.
Bereits am 19. Januar 1945 erreichten sie die alte Reichsgrenze bei Guttentag und Kreuzburg. Doch auch hier konnte die Offensive nicht zum Stehen gebracht werden, so daß die feindlichen Panzerspitzen nur wenige Tage spater östlich von Breslau sowie bei Steinau an der Oder unterhalb Breslaus erschienen. Die Verteidigung des oberschlesischen Reviers mit seinen 104 Kohlengruben mit einer Jahresproduktion von 95 Mill.t Steinkohle sowie 15 Hüttenwerken, die 2,4 Mill. t Stahl pro Jahr erzeugten, von der bedeuten-den Waffenproduktion einmal abgesehen, war der 17. Armee übertragen worden. Deren Kräfte erwiesen sich für eine erfolgreiche Verteidigung jedoch ais viel zu schwach, weshalb sie sich in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar in die neue Kampflinie Bielitz – ostwärts Pleß – nördlich Rybnik-Cosel zurückzogen (119). Damit war zwar das oberschlesische Zentralrevier verloren, doch der besondere Vorteil der neuen Linie bestand darin, daß die südlich davon gelegenen letzten oberschlesischen Kohlengruben noch geschützt waren.
Wie es um die Rolle Schlesiens als Industriestandort in der Endphase des 2. Weltkriegs aussah, erhellt eine Denkschrift Albert Speers, Minister für Bewaffnung und Munition, vom 12. März 1945,überschrieben ,Wirtschaftslage März-April 1945 und Folgerungen“. Darin heißt es, daß aus den Zentren des deutschen Steinkohlenbergbaus unter normalen Bedingungen täglich rd. 40 000 Waggons Qualitätskohle abgegangen seien, in den März- und Aprilwochen jedoch nur noch 7 700 Waggons pro Tag, und zwar 3000 aus dem Ruhrgebiet, 1000 aus dem Saargebiet und 3 700 aus den noch unbesetzten Teilen Oberschlesiens (120).
Da mit den Gestellungszahlen für die Monate März/April 1945 die Kohleversorgung der Reichsbahn, der Gas- und Elektrizitätswerke, der Ernährungswirtschaft und nicht zuletzt der Rüstungswirtschaft in keiner Weise mehr sichergestellt werden konnte, war mit dem definitiven Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft, die nach wie vor in Schlesien einen wichtigen Stützpunkt besaß, zumal hier trotz des Verlusts des oberschlesischen Zentralreviers die meiste Kohle gefördert wurde, in vier bis acht Wochen zu rechnen (121).
Die Kämpfe um Schlesien und damit um einen der bedeutendsten Industriestandorte des Reiches hatten am 12. Januar 1945 rd. 200 Kilometer ostwärts der Reichsgrenzen in den Ostbeskiden und an der Weichsel begonnen. Sie fanden ihr Ende in Nordmähren zwischen Brünn und Olmütz, in den schlesischen Gebirgen sowie in Nordböhmen und Sachsen an der Elbe mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8./9. Mai 1945.
VI.
Ausblick
Die Industrie Schlesiens sah sich seit Kriegsende mit völlig neuen Gegebenheiten konfrontiert, denn das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 überantwortete das Gebiet östlich von Oder und Neiße der Verwaltung durch Polen. Von entscheidender Bedeutung für die nunmehrige Gestaltung des schlesischen Industriepotentials war einmal die Übernahme des deutschen Besitzes durch den polnischen Staat, sodann die damit verbundene Verstaatlichung sämtlicher Produktionsanlagen mit mehr als 50 Beschäftigten aufgrund eines am 3. Januar 1946 erlassenen Gesetzes. Dadurch wurden die Grundlagen für den Aufbau einer sozialistischen Staatswirtschaft geschaffen (122).
Ein nennenswerter Wiederaufbau der schlesischen Industrie setzte 1947 ein, als der erste langfristige Volkswirtschaftsplan Polens anlief, der ,Dreijahres. plan des wirtschaftlichen Wiederaufbaus“. Sein Ziel war ,die Beseitigung der Kriegsschäden, die Wirtschaftskoordinierung der altpolnischen Landesteile und der Verwaltungsgebiete (Ostdeutschlands) sowie die Einleitung eines sozialistischen Umbaus des Wirtschaftsgefüges“ (123).
Auf den Dreijahresplan folgte für die Zeit von 1950 bis 1955 ein Sechsjahresplan. Sein Ziel war die ,Errichtung der Grundlage des Sozialismus in Polen“ Für Schlesien kam ihm erhebliche Bedeutung insofern zu, als er erhebliche Produktionssteigerungen in den Bereichen Grundstoffindustrie und verarbeitendes Gewerbe vorsah. Das Ergebnis des ehrgeizigen Plans wich von den ursprünglichen Projektierungen allerdings beträchtlich ab. So konnten von den in Oberschlesien vorgesehenen elf neuen Grubenanlagen nur sechs bis Ende 1955 in Betrieb genommen werden. Die Gründe hierfür hat man maßgeblich darin zu sehen, daß die Investitionsmöglichkeiten keineswegs derart waren, wie sie angesichts des geplanten Industrialisierungs-grades erforderlich gewesen wären, da westliches Kapital in der Frühphase des Industrialisierungsprozesses nicht eingesetzt werden durfte. Außerdem fehlte es an entsprechend ausgebildeten Kadern sowohl im technischen Bereich als auch auf der Führungsebene, was in engem Zusammenhang mit der Abwanderung und der Ausweisung der deutschen Fachleute zu sehen ist (124).
Die Folge dieser Gegebenheiten war, daß in sämtlichen Produktionsbereichen in zunehmendem Maße Engpässe entstanden, die das Entwicklungstempo beeinträchtigten. Davon abgesehen, war es für die sozialistische Wirtschaft Polens schwierig, die Vielseitigkeit, die die Industrie Schlesiens bis 1945 gekennzeichnet hatte, weiterhin aufrechtzuerhalten, da, von den fehlenden Fachkräften einmal abgesehen, es nicht möglich war, das erforderliche technische Niveau aus Gründen unzureichender Investitionen zu gewährleisten. Dies bewirkte, daß die Erzeugnisse, insofern sie weiterhin noch produziert wurden, nicht konkurrenzfähig waren (125).
Wohl am nachteiligsten wirkte es sich für die schlesische Industrie aus, daß es der sozialistischen Wirtschaft Polens an einem klaren Konzept fehlte. Zwar gab es Versuche einer ,selektiven Entwicklung ausgewählter Teilbereiche“; erfolgreich waren sie jedoch nicht, obwohl die Produktionsanlagen eine starke Vermehrung erfuhren (126).
Ein zusätzlicher erheblicher Nachteil für die Industrie Schlesiens resultierte aus der Beschränkung der Wirtschaftsbeziehungen mit den ,kapitalistischen“ Staaten. Sie setzte bereits 1947 ein, als Polen seine Einbeziehung in den Marschallplan ablehnte und sich stattdessen an die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und die DDR band. Die Gründung des ,Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ am 25. Januar 1949 brachte zwar eine Erleichterung für die Handelsbeziehungen zwischen den sozialistischen Ländern und damit auch für die schlesische Industrie, doch konnten die zahlreichen Bedürfnisse, die sich infolge ihrer weiteren Entwicklung ergaben, dadurch nicht befriedigt
werden. Die geographische Lage Schlesiens und seine Wirtschaftsstruktur bewirkten, daß sich die engsten Kooperationsbeziehungen mit der CSSR und der DDR entwickelten, sieht man von denen zur UdSSR einmal ab (127). Vor allem seit der Mitte der 70er Jahre wurde offenbar, daß die wirtschaftliche Entwicklung hinter den Erwartungen immer deutlicher zurückblieb. Dies führte dazu, daß die ökonomische Krise seit den 80er Jahren die schwerste politische Krise in der Nachkriegsgeschichte Polen auslöste. Sie sollte zur Überwindung des sozialistischen Systems führen.
Nach mehr als fünf Jahren eines nicht-kommunistischen Polens stellt sich die Lage der schlesischen Industrie ebenso wie die des gesamten Landes ungünstig dar-verständlicherweise -, da die Konsequenzen von mehr als 40 Jahren sozialistischer Planwirtschaft in einer so kurzen Zeitspanne nicht überwunden werden konnten, abgesehen davon, daß die westeuropäischen Staaten, die USA und Japan recht zurückhaltend in Polen investieren.
Anmerkungen
99) Vgl. hierzu Hans von Ahlfen, Der Kampf um Schlesien 1944-1945, Stuttgar 61993, S. 17.
100) Vgl. hierzu Gerhard Folwaczny, Geschichte des oberschlesischen Bergbaus und der Industrie (Grundzüge einer oberschlesischen Heimat-und Volkskunde, Teil 2) Breslau 1936, S. 90.
101) Ebd.
102) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Vom deutschen Krieg zur deutschen Katastrophe, a.a.O. S. 639.
103) Vgl. hierzu Willi Klett, Wirtschafts- und Verkehrsgeographie des oberschlesischen Industriegebietes nach der Teilung, Diss. Königsberg 1929, S.21.-Hingewiesen sei darauf, daß die Roheisenproduktion 1928 auf 247.749 t absank (ebd.)
104) Ebd.S.26 f.
105) Vgl. hierzu weiter oben.
106) Vgl. hierzu Karl Tanzer, a.a.O. Blatt 115
107) Vgl. hierzu Gerhard Folwaczny, a.a.O. S. 90.
108) Ebd.S. 113.
109) Ebd. S. 118f.
110) Ebd.
111) Ebd.
112) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen der schlesischen Verwaltung von 1815-1945, a.a.O. S.992
113) Ebd. S. 994.
114) Vgl. hierzu Olaf Groehler, Bombenkrieg gegen Deutschland, Berlin 1990, Kartenskizze S. 288.
115) Vgl. hierzu Werner Girbig,… mit Kurs auf Leuna. Die Luftoffensive gegen die Treibstoffindustrie und der deutsche Abwehreinsatz, Stuttgart 1980, S. 97 f. u. Tab. S.217-20.
116) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Zur Bedeutung Schlesiens als Wirtschaftsfaktor während des Zweiten Weltkriegs, in: ders., Wirtschaftsgeschichte Oberschiesiens 1871-1945. Aufsätze, Dortmund 1981, S. 203.
117) Ebd.
118) Vgl. hierzu u.a. H. Jung, Die Ardennenoffensive 1944/45, Göttingen/Zürich/Frankfurt 1971; P. Elstob, Hitlers letzte Offensive, München 1972.
119) Vgl. hierzu Hans von Ahlfen, a.a.O. S. 17 u. 23.
120) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Zur Bedeutung Oberschlesiens als Wirtschaftsfaktor während des Zweiten Weltkriegs, a.a.O. S. 206.
121) Vgl. hierzu Matthias Riedel, Eisen und Kohle für das Dritte Reich. Paul Pleigers Stellung in der NS-Herrschaft, Göttingen/Frankfurt am Main/Zürich 1973, S. 354.
122) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Zur wirtschaftlichen Entwicklung Oberschlesiens nach dem Zweiten Weltkrieg, in: ders., Aus Wirtschaft und Gesellschaft. Beiträge zur Geschichte Schlesiens vom 18. bis 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ostmitteleuropas an der Universität Dortmund, Reihe A – Bd. 50), Dortmund 1990, S.176.
123) Ekkehard Buchhofer, Die gewerbliche Wirtschaft Oberschlesiens seit 1945, in: E. Bahr, R. Breyer, E. Buchhofer, Oberschlesien nach dem Zweiten Weltkrieg. Verwaltung – Bevölkerung- Wirtschaft. Im Auftrag des Johann-Gottfried-Herder-Forschungsrates, hrsg. von R. Breyer, Marburg/Lahn 1975, S. 107.
124) Vgl. hierzu Konrad Fuchs, Zur wirtschaftlichen Entwicklung Oberschlesiens nach dem Zweiten Weltkrieg, a.a.O. S. 178 f.
125) Vgl. hierzu Zbigniew Landau/Jerzy Tomaszewski, Wirtschaftsgeschichte Polens im 19. und 20. Jahrhundert, ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Berthold Puchert, Berlin (-Ost) 1986, S. 266
Auch zum Thema:
Entwicklung der oberschlesischen Industrie bis 1945 silesiaweb.net/entwicklung-der-oberschlesischen-industrie-bis-1945/


Bis 1922 wurde Ostpreußen mit oberschlesischer Kohle versorgt. Die Anlieferung von Kohle per Eisenbahn durch den polnisch gewordenen Korridor wurde Ende der 1930er Jahre von Polen jedoch vollständig unterbunden. Trotz des großen deutschen Entgegenkommens ließ Polen bis zum Kriegsausbruch keine Versorgung Ostpreußens mit deutscher Kohle zu. In strengen ostpreußischen Wintern herrschte deshalb dort ein massiver Heizmittelmangel. Hintergrund dieser politischen und wirtschaftlichen Provokation war, dass Polen Ostpreußen schwächen wollte, um es von Polen abhängig zu machen und längerfristig dem Deutschen Reich zu entreißen.
Diese feindliche polnische Haltung trug maßgeblich zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bei.
Der Kampf um Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg uns seine Entsprechung heute –
KRIEG GEGEN VENEZUELA ENDET IM DESASTER – DROHT DER 3. WELTKRIEG?
Professor Jeffrey Sachs reagiert auf die anhaltenden Folgen des US-Angriffs auf Venezuela und die Entführung seines Präsidenten Nicolás Maduro. Prof. Sachs enthüllt die dunkle Wahrheit hinter der Operation und den Kurs in Richtung Krieg, den sie ausgelöst hat.
http://www.youtube.com/watch?v=c0oOTXNhoUs
In diesem Interview erläutert Sachs die Hintergründe der Anti-Maduro-Politik der USA. Er sagt unter anderem, dass die Verschärfung der amerikanischen Politik gegenüber Venezuela erst nach der Entdeckung sehr großer Erdölreserven – der größten der Welt – erfolgte. Solche größten Erdölreserven sind immer wieder die treibende Kraft vieler Konflikte. Eine ähnliche wirtschaftlich-politische Komponente lag auch dem Kuwait-Krieg zugrunde. Und dieser aggressiven amerikanischen Politik ging der Kampf um Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg voraus.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Erdöl und Erdgas noch keine wirtschaftliche Bedeutung. Die Wirtschaftskraft basierte damals auf Steinkohle und Steinkohleprodukten wie Koks und Teer. Hochqualitativer Koks wird bis heute für die Eisengewinnung in Hochöfen benötigt. Aus Steinkohleteer wurden vor allem in Deutschland die unterschiedlichsten chemischen Produkte hergestellt. 97 % der Chemieprodukte stammten damals aus dem Deutschen Reich.
In diesem Sinne müssen wir verstehen, dass der Kampf um Oberschlesien in den Jahren 1918–1922 und nach 1945 eine wesentliche wirtschaftliche Bedeutung hatte, die heute kaum noch nachvollzogen werden kann, wenn man die damalige Bedeutung der Montanindustrie nicht berücksichtigt.
Die heutige Unruhe in der Welt bestätigt den alten Spruch: „Alles wie immer, nur schlimmer!“
Heute gilt Erdgas, aus dem unter anderem Ethylen gewonnen wird, als wichtiger Grundstoff der chemischen Industrie. Erdgas und Erdöl zählen zudem zu den wichtigsten Energieträgern für die Stromerzeugung und für unsere Mobilität.
In diesem Sinne hat die Sprengung der Ostsee-Erdgasleitung und der Atomkraftwerke maßgeblich zum Niedergang der deutschen Industrie beigetragen.