Start › Foren › Mitteleuropa › Oberschlesien › Neisse – älter als Krakau, ein Juwel Europas › Antwort auf: Neisse – älter als Krakau, ein Juwel Europas
Vor etwa 30 Jahren habe ich Neisse einen kurzen Besuch erstattet. Ich war neugierig, wie viel von der Pracht der ehemals zauberhaften schlesischen Stadt noch erhalten geblieben ist. Der Zustand der Altstadt hat mich sehr schockiert. Besonders der Anblick des großen, leeren Platzes im Zentrum der Stadt an der Stelle, an der bis 1945 die von den Schlesiern mühsam errichtete Altstadt stand, hat mich erschüttert. Ja, der schöne Brunnen, ein Werk hervorragender Schmiedekunst, hat meine Aufmerksamkeit erregt. Ansonsten bot sich mir ein Bild des Schreckens: leere Räume, einige quer befahrene Straßen und nur sehr wenige Zeugen alter Baukunst. Eigentlich ließ nichts erahnen, dass die Neiße einst ein städtisches Kunstwerk war.
Meine Tante hat als Kind wiederholt und gerne von ihrer Reise nach Neisse und Dresden berichtet. Noch während des Krieges war sie mit der Schulklasse in den beiden wunderschönen Städten auf Erkundungsreise gewesen, die sie ihr ganzes Leben lang immer wieder bewundert hatte.
Die Realität, die ich in Neiße vorfand, war trist. Diese Thematik wird in einer Reportage des polnischen Fernsehens TVP mit dem Titel „Neisse – älter als Krakau, ein Juwel Europas, aber eine Herausforderung für den Wiederaufbau Warschaus“ behandelt. Die Sendung ist unter der Adresse https://www.youtube.com/watch?v=vWcYy4PM0yc abrufbar.
Der Fernsehbericht enthält viele interessante Aspekte der Nachkriegsgeschichte Schlesiens, auch wenn darin nur Neisse nach 1945 thematisiert wird. Es ist keine harte Abrechnung mit den politischen Maßnahmen, die seit Frühjahr 1945 umgesetzt wurden, sondern eine behutsame Offenlegung der Nachkriegsrealität, die sonst sorgfältig vor neugierigen Blicken verborgen wird. In der Reportage wird keine Anklage gegen die von Polen ergriffenen Maßnahmen erhoben, die die Eingliederung der schlesischen Kriegsbeute zum Ziel hatten. Der Umgang der Polen mit den architektonischen Denkmälern Schlesiens wird hingegen vorsichtig kritisch beleuchtet.
Krieg und die Verteidigung der Stadt gegen die vorrückende Rote Armee haben unfassbar große Schäden angerichtet. Trotzdem wäre es möglich gewesen, einen Großteil der ursprünglichen Bausubstanz und somit der ehemaligen Pracht zu erhalten – wenn die Polen es nur gewollt hätten. Da sie in Neisse keine altpolnischen Bezugspunkte fanden, gaben sie die Altstadt ohne zu zögern zum Abriss frei. In der Reportage wurde zwar der slawische Ursprung des Stadtnamens erwähnt, mehr aber auch nicht. Neisse stand sogar in Konkurrenz zu Krakau. Altslawisch bedeutet jedoch nicht automatisch polnisch. Auch die Stadt Breslau trug früher den altslawischen, böhmischen Namen „Wratislawia”.
Nicht nur Neisse war vom Kulturvandalismus der Polen betroffen. Unzählige schlesische Bauwerke wurden nach dem Krieg von Polen gezielt dem Verfall preisgegeben, dem Brand überlassen und wie Neisse ausgeschlachtet, um an die Bausubstanz zu gelangen. Zu den Opfern zählen die oberschlesischen Schlösser von Donnersmarkt, Godula und Groß-Rauden nahe Ratibor und unzählige weitere. In Niederschlesien waren es Tausende Herrenhäuser, Schlösser und sonstige wertvolle Baudenkmäler. Die meisten von ihnen sind erst Jahre nach dem Krieg gezielt ausgeplündert und vernichtet worden. Insgesamt ein Kulturvandalismus von ungeahntem Ausmaß.
Einige gute Aussagen zu diesem Thema von Prof. Tomaszewski wurden schon vor Jahren im Text „Schicksal schlesischer Kulturdenkmale nach 1945” unter https://silesiaweb.net/schicksal-schlesischer-kulturdenkmale-nach-1945/ vorgestellt.

