Start › Foren › Mitteleuropa › Oberschlesien › Oberschles. Muntar in phonetischer, morphologischer und syntaktischer Hinsicht
Schlagwörter: #Oberschlesien, Muntart, Sprache
- Dieses Thema hat 4 Antworten sowie 1 Teilnehmer und wurde zuletzt vor vor 1 Woche von
bhn aktualisiert.
-
AutorBeiträge
-
-
2026-06-17 um 15:46 Uhr #3517
bhn
AdministratorAus dem Buch:
Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges.
Genese und Begründung polnischer Gebietsansprüche gegenüber Deutschland im Zeitalter des Nationalismus
Roland Gehrkehttps://archive.org/details/DerPolnischeWestgedankeRolandGehrke/page/n1/mode/2up
2.4. Oberschlesien und Masuren als besondere Problemfelder
…
Seite 35/36:„Schlesien, 1348/55 in die böhmische Krone inkorporiert, seit 1526 Bestandteil der Habsburger Monarchie und 1742 schließlich als Folge des ersten schlesischen Krieges mit Ausnahme eines kleinen südöstlichen Streifens („Österreichisch Schlesien“) an Preußen gefallen, hatte sich unter ethnographischen Gesichtspunkten bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts höchst uneinheitlich entwickelt. Während der nordwestliche Teil Schlesiens (späterer Regierungsbezirk Liegnitz) seit dem Spätmittelalter nahezu vollständig und der mittlere Teil (späterer Regierungsbezirk Breslau) sehr weitgehend einer sprachlichen und kulturellen Assimilierung an das Deutschtum unterlegen waren, hatte sich im südöstlichen Oberschlesien (späterer Regierungsbezirk Oppeln) auch über die Jahrhunderte der staatlichen Trennung hinweg eine polnischsprachige Bevölkerungsmehrheit erhalten. Die polnischsprachigen Schlesier stellten dabei das Gros der sozial zumeist unterprivilegierten Landbevölkerung, während in den Städten das deutsche Element überwog.
Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Städtedreieck KattowitzGleiwitz-Beuthen einsetzende Industrialisierung führte im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem explosionsartigen Anwachsen der Bevölkerung, ohne daß sich an deren ethnischer Zusammensetzung grundlegend etwas änderte. Daß die polnischsprachigen Schlesier im Zuge dieser Entwicklung auch unter dem rasch anwachsenden Industrieproletariat der Gruben- und Metallarbeiter eine dominierende Stellung gewannen, noch verstärkt durch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus Kongreßpolen, schuf die Grundlage dafür, daß sich in Oberschlesien der ethnische Gegensatz mit der in ganz Europa akut werdenden sozialen Frage verband. Durch seinen großen Reichtum an Steinkohle und Erzen wurde Oberschlesien neben dem Ruhrgebiet zum zweiten großen Schwerindustriegebiet Preußens (bzw. später des Deutschen Reiches), ein Umstand, der diesem Gebiet im späteren Grenzkonflikt zwischen Deutschland und Polen eine besonders wichtige, ja symbolträchtige Bedeutung zukommen ließ.
Die in Oberschlesien gesprochene Mundart ist von deutscher Seite in der Vergangenheit verschiedentlich in verächtlicher Weise als „Wasserpolnisch“ oder gar als strukturell primitive „deutsch-polnische Mischsprache“ 92 bezeichnet und beschrieben worden, die mit dem Hochpolnischen nicht mehr viel gemeinsam habe. Tatsächlich wiesen die zahlreichen sprachlichen Besonderheiten des Oberschlesischen – neben den verbreiteten Archaismen vor allem eine hohe Zahl von deutschen Lehnwörtern im wissenschaftlichen, technischen und administrativen Bereich 93 – auf die lange räumliche und politische Trennung Schlesiens vom übrigen polnischen Sprachgebiet hin. Dessen ungeachtet handelt es sich beim Oberschlesischen in phonetischer, morphologischer und syntaktischer Hinsicht jedoch zweifelsfrei um einen polnischen Dialekt, was auch in der deutschen Slawistik schon seit langem nicht mehr bestritten wird.“
-
2026-06-17 um 15:50 Uhr #3518
bhn
AdministratorZu den geschichtlichen Feststellungen in der ansonsten sehr guten Dissertation aus dem November 1999 im Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg habe ich selbstverständlich keine Anmerkungen oder Kritik anzumelden.
Aber zur wiederholten Gleichsetzung der slawisch-oberschlesischen Sprache mit Polnisch melde ich meinen harten Widerstand an!
Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Deutschen schon im 19. Jahrhundert Slawisch-Oberschlesiesch ständig mit Polnisch gleichgesetzt haben. Das war ein gravierender, unverzeihlicher Fehler der Deutschen! Warum?Zum Vergleich: https://t.me/schlesien_szlonsk/18608
Zwei durch die politische Grenze zwischen Indien und Pakistan getrennte Völker sprechen Hindi (in Indien) bzw. Urdu (in Pakistan). Die beiden Volksgruppen verstehen sich untereinander blendend. Nur akzeptiert kein Bewohner Pakistans, dass er „Hindi” spricht, und kein Bewohner Indiens, dass er Urdu spricht. Und das versteht natürlich jeder in Deutschland.
Übertragen auf Oberschlesien stellt sich die Frage, warum immer wieder betont wird, die Oberschlesier würden „Polnisch” sprechen. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die eingewanderten Polen das Slawisch-Oberschlesische in der Originalfassung meiner Großmutter nicht vollständig verstehen konnten.Die Polen reagierten auf die alte, unverfälschte Originalfassung des Slonsko-Schlesischen mit Unverständnis, Gelächter und sonstigen herabsetzenden Bemerkungen. Ich war dabei, das kenne ich aus meiner Kindheit und Schulausbildung. Durch den Schulunterricht, den Kirchgang und den ausgiebigen Kontakt mit der polnischen Sprache (Bücher, Fernsehen, Zeitungen, Schule) wurde die Slonsko-Sprache nach 1922 bzw. 1945 weitgehend verwässert. Trotzdem ähnelt die Aussprache des Slonski immer noch viel mehr der slowakischen oder tschechischen als der polnischen.
Das polnische „ą“ oder „ę“ lässt sich im Slawisch-Schlesischen, ähnlich wie im Slowakischen, Slowenischen, Tschechischen oder Sorbischen, nicht aussprechen.Ich werde euch hier weiterhin mit unzähligen Beweisen langweilen, die zeigen, dass Slonskoschlesisch und Polnisch zwei unterschiedliche Sprachen zumindest waren. Das Problem ist nur, dass die deutschen Kreise die slawisch sprechenden Oberschlesier nicht unterstützt haben, früh genug eine eigene Schreibweise zu entwickeln. Es gab sogar ein stilles Abkommen, dass die oberschlesische Haussprache sofort durch Deutsch ersetzt wurde, sobald ein Oberschlesier beruflich, behördlich oder publizistisch aufgestiegen war. Und alles war gut. Es bestand also keine zwingende Notwendigkeit, eine eigene Schriftsprache zu entwickeln. Dies erwies sich dennoch als großes Versäumnis.
Für die inzwischen weitgehend „polonisierte“ slonsko-schlesische Sprache wurde inzwischen eine eigene Grammatik und Orthografie entwickelt. Hätte man dies bereits vor 150 Jahren getan, hätte man die landesspezifische Sprache retten können. Ebenso wäre ganz Schlesien vor dem polnischen Westdrang bewahrt geblieben. Hätte Polen bei der Formulierung seines Anspruchs auf Schlesien keine argumentativen „Haken” gefunden, wäre möglicherweise ganz Schlesien von polnischen Eroberungsabsichten verschont geblieben. Schließlich ging es den Polen nicht um die „Rettung” der Oberschlesier, sondern um den Reichtum des Landes!
-
2026-06-17 um 15:53 Uhr #3519
bhn
AdministratorEs sind immer die Spezialisten aus Westdeutschland, die in Polen studiert haben oder die von der Weichsel, die über die Slawisch-Oberschlesische Sprache diskutieren wollen. Die slawoschlesischen Muttersprachler werden niemals nach ihrer Meinung gefragt. Die Oberschlesier in ihrer Heimat wissen gar nicht, dass es so was wie Wasserpolnisch gibt. Wir diskutieren aber auch nicht, ob Friesisch oder Plattdeutsch ein deutscher Dialekt ist oder nicht, weil wir davon keine Ahnung haben, selbst dann nicht, wenn wir die Sprachen studiert hätten.
-
2026-06-17 um 16:01 Uhr #3520
bhn
AdministratorSicherlich gibt es eine Transkription der deutschen Sprache in chinesischen Schriftzeichen, die das Erlernen von Deutsch in China erleichtert.
Bis in die 1980er Jahre gab es allerdings kein allgemein geltendes Regelwerk für die Rechtschreibung der slonsko-schlesischen Sprache. Aber was soll das schon beweisen?
In den vergangenen Jahrhunderten wurde es versäumt, die landesspezifische Sprache rechtzeitig weiterzuentwickeln und eine vollständige Hochsprache daraus zu formen.
Hätte ein Germane des Altertums die Wörter „Flugzeug”, „Internet” oder „Klimaanlage” verstanden?
Die Polen haben sich diese Wörter bei Bedarf ausgedacht und sie frühzeitig in ihren Wortschatz aufgenommen: „samolot“, siec kolejowa“, usw …
Heute entwickeln die Deutschen ihre Sprache auch nicht mehr weiter, sie ersetzten sogar „Pauschaltarif” durch „Flatrate” und übernehmen den Großteil der neuen Begriffe direkt aus dem Englischen.
Also immer vorsichtig bleiben. Schlussfolgert daraus jemand, dass es die deutsche Sprache gar nicht (mehr) gibt? Wird Deutsch eines Tages zum englischen Dialekt abgestuft sein? -
2026-06-17 um 16:05 Uhr #3521
bhn
AdministratorDie Einführung des Polnischen als Unterrichtssprache in Oberschlesien im Jahr 1848 wurde von einem Bischof aus Breslau veranlasst. Damit wollte dieser die Stellung der katholischen Kirche in der Region stärken, indem er den Kontakt zur polnischen kirchlichen Hierarchie wieder aufnahm. Eine typisch deutsche Kurzsichtigkeit also. Darüber wird bei der Behandlung der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert leider nie gesprochen. Die Breslauer katholische Kirche hat es versemmelt und dann Oberschlesien seinem Schicksal überlassen.
https://t.me/schlesien_szlonsk/21915
https://t.me/schlesien_szlonsk/26565Die Polen feiern den Breslauer Bischof als den „deutschen Verteidiger des Polentums in Schlesien”.
Noch Fragen?
https://www.ipsb.nina.gov.pl/a/biografia/bernard-jakob-bogedain-1810-1860-biskup-sufragan-wroclawski
Bogedain Bernard Jakób (1810–1860), biskup-sufragan wrocławski, obrońca polskości na Śląsku, pochodził z rodziny niemieckiej.
-
-
AutorBeiträge
- Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.

